Ja, die meisten Narzissten wissen auf einer sachlichen Ebene, dass sie narzisstischer sind als andere Menschen. Studien zeigen: Sie beschreiben sich selbst als arrogant und selbstbezogen. Was fehlt, ist nicht das Wissen, sondern der Leidensdruck, daran etwas zu ändern.
✔ Quellen: DSM-5, Fachstudien, Fachliteratur
✔ Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2026
Narzissten wissen häufiger von ihrem Narzissmus, als Betroffene vermuten. Die Studie von Carlson, Vazire und Oltmanns (2011) belegt: Menschen mit hohen Narzissmus-Werten schätzen sich selbst als arroganter und selbstbezogener ein als andere. Das Problem liegt woanders. Narzissmus ist ich-synton, das Verhalten fühlt sich für den Narzissten richtig an. Er sieht die Eigenschaft, bewertet sie aber als Stärke statt als Störung. Deshalb gibt es kaum Krankheitseinsicht, kaum freiwillige Therapie und fast nie ein ehrliches Eingeständnis dir gegenüber. Für dich zählt darum sein Verhalten, nicht sein Bekenntnis.
Haben Narzissten ein Bewusstsein für ihr eigenes Verhalten?
Narzissten nehmen ihr Verhalten wahr, bewerten es aber anders als ihr Umfeld. Ein Narzisst registriert, dass er dominiert, unterbricht und Bewunderung einfordert. Er deutet diese Muster jedoch als Durchsetzungsstärke, Ehrlichkeit oder berechtigten Anspruch, nicht als Problem.
Die Psychologie nennt diesen Mechanismus Ich-Syntonie. Ich-synton bedeutet: Ein Verhalten passt aus Sicht der Person zu ihrem Selbstbild und erzeugt keinen inneren Widerspruch. Das Gegenteil ist ich-dyston, ein Verhalten, unter dem die Person selbst leidet, etwa Zwangsgedanken. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung gehört nach DSM-5 zu den ich-syntonen Störungen.
Genau darum trifft die Frage nach dem Wissen zwei verschiedene Ebenen. Auf der Beschreibungs-Ebene erkennt der Narzisst seine Eigenschaften. Auf der Bewertungs-Ebene fehlt die Einsicht, dass diese Eigenschaften anderen Menschen schaden und sein Leben begrenzen. Wie diese Innenwelt insgesamt funktioniert, zeigt dir der Beitrag Wie tickt ein Narzisst? Ein Blick hinter die Fassade.
Was sagt die Forschung zur Selbsteinschätzung von Narzissten?
Die zentrale Studie stammt von Carlson, Vazire und Oltmanns aus dem Jahr 2011. Ergebnis: Narzissten besitzen Selbsteinsicht. Sie wissen, dass andere sie weniger positiv sehen als sie sich selbst, und sie beschreiben sich mit Begriffen wie arrogant.
Die Forscher prüften in 3 Untersuchungen mit Studierenden und Erwachsenen, wie Menschen mit hohen Narzissmus-Werten sich selbst, ihren Ruf und die Sicht anderer einschätzen. Die Teilnehmer mit hohen Werten stimmten Aussagen wie „Ich bin narzisstischer als andere“ überdurchschnittlich oft zu. Der Titel der Studie bringt es auf den Punkt: „You probably think this paper’s about you“.
Eine zweite Erkenntnis der Persönlichkeitsforschung ergänzt das Bild. Laut der Meta-Analyse von Miller und Kollegen (2017, Journal of Personality) unterscheiden sich grandiose und vulnerable Narzissten in ihrer Selbstwahrnehmung deutlich: Grandiose Narzissten sehen ihre Dominanz und genießen sie, vulnerable Narzissten spüren vor allem ihre Kränkbarkeit und halten sich eher für Opfer als für Narzissten. Ob überhaupt eine Störung vorliegt, klärt der Beitrag Ist Narzissmus eine Krankheit? Wo die Eigenschaft endet und die Störung beginnt.
In Beratungsgesprächen zeigt sich ein wiederkehrender Ablauf: Betroffene hoffen jahrelang auf den einen Moment, in dem der Partner oder Elternteil sein Verhalten erkennt und sich entschuldigt. Dieser Moment kommt fast nie, und wenn ein Satz wie „Ich weiß, ich bin schwierig“ fällt, folgt daraus keine Änderung. Das Eingeständnis dient dann als Werkzeug, um Kritik zu entwaffnen. Wer diese Dynamik einmal verstanden hat, hört auf, auf Einsicht zu warten, und beginnt, eigene Grenzen zu setzen. Das ist der eigentliche Wendepunkt.
Warum fehlt Narzissten die Krankheitseinsicht?
Die Krankheitseinsicht fehlt aus 3 Gründen: Das grandiose Selbstbild lässt keine Schwäche zu, der Narzissmus schützt vor tiefer Scham, und die Kosten des Verhaltens tragen andere. Der Narzisst selbst profitiert kurzfristig von seinem Muster.
Krankheitseinsicht bedeutet in der Psychiatrie, dass eine Person erkennt, dass ihre Symptome Ausdruck einer Störung sind und Behandlung brauchen. Bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die laut DSM-5 etwa 0,5 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung betrifft, scheitert diese Einsicht am Kern der Störung selbst: Ein Selbstbild, das auf Großartigkeit gebaut ist, kann den Gedanken „Ich bin gestört“ nicht zulassen, ohne einzustürzen.
Hinzu kommt die Schutzfunktion. Die Fachliteratur, etwa die Arbeiten von Otto Kernberg, beschreibt Narzissmus als Panzer gegen ein instabiles Selbstwertgefühl. Der Narzisst müsste für echte Einsicht genau die Scham fühlen, gegen die sein gesamtes System gebaut ist. Deshalb erscheinen Narzissten meist erst dann in Therapie, wenn eine Depression, eine Trennung oder ein beruflicher Absturz sie zwingt, und selten wegen des Narzissmus selbst. Die vollständigen Diagnosekriterien erklärt der Beitrag Was ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung?.
Geben Narzissten jemals zu, dass sie Narzissten sind?
Ja, aber fast nie als echtes Eingeständnis. Narzissten nutzen das Etikett in 3 Varianten: als Trophäe, als Waffe oder als taktisches Zugeständnis. Ein ehrliches, folgenreiches Bekenntnis mit Verhaltensänderung bleibt die seltene Ausnahme.
Die Trophäen-Variante klingt so: „Ja, ich bin ein Narzisst, deshalb bin ich erfolgreich.“ Hier wird die Eigenschaft zur Auszeichnung umgedeutet. Die Waffen-Variante dreht den Spieß um: „Du mit deinen Psycho-Diagnosen bist doch die Gestörte.“ Das taktische Zugeständnis schließlich taucht in Krisen auf, etwa wenn eine Trennung droht, und verschwindet, sobald die Gefahr vorbei ist.
Nutze dafür den 3-Ebenen-Blick: Wissen, Zugeben, Ändern. Ebene 1 ist bei den meisten Narzissten vorhanden, sie kennen ihre Wirkung. Ebene 2 kommt situativ vor, wenn sie sich einen Vorteil verspricht. Ebene 3, die dauerhafte Verhaltensänderung mit Therapie, erreichen nach klinischer Erfahrung nur wenige. Miss jedes Eingeständnis an Ebene 3, nicht an den Worten.
Ob eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt, beurteilt ausschließlich ein Facharzt für Psychiatrie oder ein approbierter Psychotherapeut. Nutze dieses Wissen zur eigenen Orientierung und zum Selbstschutz, nicht um anderen Menschen eine Diagnose anzuheften.
Was bedeutet das für dich im Umgang mit einem Narzissten?
Für dich folgen daraus 3 Konsequenzen: Warte nicht auf Einsicht, verhandle über Verhalten statt über Diagnosen, und richte deine Entscheidungen an Taten aus. Dein Schutz darf nicht davon abhängen, dass der Narzisst sich selbst erkennt.
Konfrontationen mit dem Wort Narzisst bringen dir erfahrungsgemäß nichts außer Eskalation. Wirksamer sind konkrete Grenzsätze ohne Etikett: „Wenn du mich vor anderen abwertest, verlasse ich den Raum.“ Damit umgehst du die Diagnose-Debatte komplett und bleibst handlungsfähig.
Prüfe außerdem deine eigene Rolle ehrlich. Wer sich selbst fragt, ob er narzisstisch handelt, zeigt genau die Selbstreflexion, die Narzissten fehlt. Warum diese Frage selbst schon eine Antwort ist, liest du im Beitrag Bin ich ein Narzisst? Warum die Frage selbst schon eine Antwort ist. Wenn dich die Beziehung zu einem Narzissten dauerhaft belastet, vermittelt dir die Terminservicestelle unter der 116117 ein psychotherapeutisches Erstgespräch, die Telefonseelsorge erreichst du rund um die Uhr kostenlos unter 0800 111 0 111.
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Gute Fachbücher über Narzissmus erklären die Innenwelt der Störung anhand von Fallbeispielen und zeigen dir, wie du Grenzen setzt, ohne auf Einsicht des anderen zu warten. Achte auf Autoren mit therapeutischem Hintergrund und aktuelle Auflagen.
💬 Unsere Einschätzung
Die gängige Annahme lautet: Narzissten wissen nicht, was sie tun, sonst würden sie es lassen. Die Forschung widerlegt beide Hälften dieses Satzes. Sie wissen es oft, und sie lassen es trotzdem nicht, weil das Verhalten für sie funktioniert. Diese Erkenntnis ist unbequem, aber befreiend. Solange du glaubst, der Narzisst verletze dich aus Unwissenheit, erklärst du weiter, argumentierst weiter und wartest weiter. Sobald du akzeptierst, dass Wissen ohne Änderungswillen wertlos ist, verschiebt sich deine Energie von seiner Aufklärung zu deinem Schutz. Genau dort gehört sie hin.
- Die Carlson-Studie (2011) zeigt: Narzissten beschreiben sich selbst als arrogant und narzisstischer als andere
- Narzissmus ist ich-synton, das Verhalten fühlt sich für den Narzissten richtig an, deshalb fehlt die Krankheitseinsicht
- Die narzisstische Persönlichkeitsstörung betrifft 0,5 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung, Therapie beginnt meist erst durch Krisen
- Der 3-Ebenen-Blick trennt Wissen, Zugeben und Ändern: Nur die dritte Ebene zählt für deine Entscheidungen
- Deine Anlaufstellen: Terminservicestelle 116117, Telefonseelsorge 0800 111 0 111
Häufige Fragen dazu, ob Narzissten von ihrem Narzissmus wissen
Diese 3 Fragen tauchen zum Selbstbild von Narzissten besonders oft auf. Sie ergänzen die Hauptkapitel um Absicht, Leidensdruck und den Unterschied zwischen den Narzissmus-Formen.
Verletzen Narzissten andere mit Absicht?
Teils, teils. Abwertungen nach Kränkungen setzen Narzissten oft gezielt ein, um die Kontrolle zurückzugewinnen. Viele alltägliche Verletzungen entstehen jedoch beiläufig, weil dem Narzissten die Empathie fehlt, die Wirkung seiner Worte überhaupt zu spüren.
Leiden Narzissten selbst unter ihrem Narzissmus?
Ja, vor allem indirekt. Studien verbinden narzisstische Persönlichkeitsstörungen mit erhöhten Raten von Depressionen, Sucht und Beziehungsabbrüchen. Der Narzisst leidet aber an den Folgen wie Einsamkeit und Kränkungen, nicht am Narzissmus selbst, den er als Stärke erlebt.
Wissen verdeckte Narzissten eher von ihrer Störung als grandiose?
Nein, eher seltener. Verdeckte, vulnerable Narzissten erleben sich vor allem als sensibel und ungerecht behandelt. Die Opferperspektive verdeckt den eigenen Anteil zuverlässiger als die offene Grandiosität, die zumindest für das Umfeld sofort sichtbar ist.
Quellen und weiterführende Literatur
Die Aussagen dieses Artikels stützen sich auf 5 Fachquellen. Alle Angaben zu Diagnosekriterien, Prävalenz und Selbsteinschätzung folgen den offiziellen Klassifikationssystemen und veröffentlichten Studien.
- Carlson, Vazire & Oltmanns: You probably think this paper’s about you (2011) · psycnet.apa.org · Kernstudie zur Selbsteinsicht von Narzissten, erschienen im Journal of Personality and Social Psychology.
- DSM-5, Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen · psychiatry.org · Definiert die 9 Diagnosekriterien und die Prävalenz der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.
- Miller et al.: Controversies in Narcissism (2017) · annualreviews.org · Überblicksarbeit zu grandiosem und vulnerablem Narzissmus und deren Selbstwahrnehmung.
- Otto F. Kernberg: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus · suhrkamp.de · Klassiker der psychodynamischen Literatur zur Schutzfunktion des Narzissmus.
- Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) · dgppn.de · Fachinformationen zu Persönlichkeitsstörungen und Behandlungsstandards.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Diagnose, Beratung oder Behandlung durch Ärzte oder Psychotherapeuten. Bei akuten Krisen wende dich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder in Notfällen an die 112.


