Angehörige bei einer Essstörung
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Als Angehörige kannst du viel bewirken, aber du kannst die Essstörung eines anderen Menschen nicht für ihn heilen. Beides zu wissen entlastet.
- Sprich das veränderte Verhalten an, das dir auffällt, nicht das Gewicht oder das Essen. Vermeide Vorwürfe und stell keine Diagnose.
- Rechne mit Abwehr und Verharmlosung. Das gehört zur Erkrankung und ist kein Zeichen, dass dein Gespräch falsch war.
- Kontrolle und Essensregeln führen meist in einen Machtkampf. Zuhören und Unterstützung anbieten hilft mehr.
- Sorge auch für dich selbst. Schuldgefühle sind verständlich, aber eine eigene Beratung tut dir und der betroffenen Person gut.
- Beratung für Angehörige gibt es beim Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031 und bei Fachstellen wie ANAD.
Wie kann ich einem Menschen mit einer Essstörung helfen?
Am meisten hilfst du, indem du in Beziehung bleibst, das veränderte Verhalten ruhig ansprichst und Unterstützung anbietest, ohne Druck auszuüben. Das klingt weniger, als du dir vielleicht wünschst, ist aber genau das, was Betroffene brauchen. Eine Essstörung ist eine seelische Erkrankung, und niemand kann sie einem anderen Menschen von außen abnehmen. Du bist nicht dafür verantwortlich, sie zu heilen, aber du kannst ein verlässlicher Halt auf dem Weg sein.
Für viele Angehörige ist das eine schwer erträgliche Wahrheit. Man sieht den geliebten Menschen leiden und will handeln, sofort und wirksam. Die Erkrankung lässt sich aber nicht durch gutes Zureden, durch Kontrolle oder durch Logik auflösen. Was du tun kannst, ist ebenso wichtig wie begrenzt: da sein, zuhören, den Weg zu professioneller Hilfe ebnen und dabei auf dich selbst achten.
Dieser Text gibt dir dafür konkrete Anhaltspunkte. Er ersetzt keine persönliche Beratung, und die lohnt sich für dich als Angehörige ausdrücklich. Denn eine Essstörung belastet nicht nur die erkrankte Person, sondern das ganze Umfeld.
Das Gespräch suchen, ohne über Essen zu reden
Der schwierigste Teil ist oft das erste Gespräch. Wähle dafür einen ruhigen Moment ohne Zeitdruck und nicht am Esstisch. Sprich das an, was dir an Verhalten und Stimmung auffällt, und lass Gewicht, Figur und Essen bewusst außen vor. Der Satz Ich mache mir Sorgen, weil du dich so zurückgezogen hast erreicht mehr als jede Bemerkung über das Essen, die sofort in die Abwehr führt.
Sprich aus deiner Sicht, in Ich-Botschaften. Sag, was du beobachtest und wie es dir damit geht, statt der Person zu erklären, was mit ihr nicht stimmt. Verzichte auf Vorwürfe, auf Ultimaten und darauf, selbst eine Diagnose zu stellen. Rechne damit, dass die Reaktion abweisend ausfällt, dass alles heruntergespielt oder abgestritten wird. Das ist keine böse Absicht, sondern Teil der Erkrankung. Bleib ruhig, bleib zugewandt, und mach klar, dass dein Angebot bestehen bleibt, auch wenn es heute nicht angenommen wird.
| Hilfreich | Besser vermeiden |
|---|---|
| Das veränderte Verhalten und deine Sorge ansprechen | Über Gewicht, Figur oder einzelne Mahlzeiten diskutieren |
| In Ich-Botschaften sprechen | Vorwürfe machen oder Schuld zuweisen |
| Zuhören und die Gefühle ernst nehmen | Ratschläge und Lösungen aufdrängen |
| Unterstützung und Begleitung anbieten | Das Essen kontrollieren oder überwachen |
| Geduldig dranbleiben, auch nach einem Nein | Ultimaten stellen oder Druck aufbauen |
Warum Kontrolle das Gegenteil bewirkt
Der verständlichste Reflex von Angehörigen ist, das Essen in die Hand zu nehmen: Mahlzeiten zu überwachen, zum Essen zu drängen oder heimlich zu kontrollieren, ob etwas gegessen wurde. So nachvollziehbar dieser Wunsch ist, er verschärft die Lage fast immer. Das Essen ist bei einer Essstörung zum Austragungsort innerer Konflikte geworden. Wer dort Druck aufbaut, wird Teil des Kampfes, statt ihn zu entschärfen, und die betroffene Person zieht sich noch weiter zurück.
Das gilt besonders für erwachsene Betroffene, die du nicht zu einer Behandlung zwingen kannst und auch nicht zwingen solltest. Deine Rolle ist eine andere: verlässlich da sein, das Gespräch offen halten und immer wieder ruhig auf Hilfsangebote hinweisen. Bei minderjährigen Kindern hast du als Elternteil mehr Verantwortung und darfst und musst aktiver werden, etwa einen Arzttermin vereinbaren. Auch dann aber wirkt Begleitung besser als Kontrolle.
Sorge auch für dich selbst
Die Essstörung eines nahen Menschen zehrt an den Kräften. Viele Angehörige tragen Schuldgefühle mit sich, fragen sich, was sie falsch gemacht haben, und schieben die eigenen Bedürfnisse beiseite. Der wichtigste Punkt dazu: Niemand verursacht die Essstörung eines anderen Menschen allein, und Schuldgefühle helfen weder dir noch der betroffenen Person. Was hilft, ist Unterstützung für dich selbst.
Hol dir eine eigene Beratung, sprich mit anderen Angehörigen in einer Selbsthilfe- oder Angehörigengruppe und erlaube dir Pausen, in denen sich nicht alles um die Erkrankung dreht. Fachstellen wie ANAD bieten eigens Angehörigenberatung, Elternabende und Workshops an. Das ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, dass du über einen langen Weg hinweg tragfähig bleibst. Nur wer selbst Halt hat, kann anderen Halt geben.
Zur eigenen Fürsorge gehört auch, die Erwartungen an dich selbst zu senken. Du wirst nicht immer die richtigen Worte finden, und du wirst Fehler machen. Das ist menschlich und kein Grund zur Selbstverurteilung. Wichtiger als jedes perfekte Gespräch ist, dass du über die lange Strecke verlässlich an der Seite bleibst. Erlaube dir Momente, in denen du abschaltest, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Diese Pausen sind kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern die Bedingung dafür, dass deine Kraft reicht.
Wenn die ganze Familie mitbetroffen ist
Eine Essstörung verändert nicht nur den erkrankten Menschen, sondern das ganze Zusammenleben. Mahlzeiten werden zur angespannten Situation, Konflikte drehen sich immer wieder um dasselbe Thema, und andere Familienmitglieder treten zurück. Besonders Geschwister geraten leicht aus dem Blick, weil so viel Aufmerksamkeit auf die erkrankte Person gerichtet ist. Es hilft, das offen anzusprechen und auch den Geschwistern Raum und eigene Ansprechpartner zu geben.
Für Eltern ist es eine Gratwanderung zwischen Sorge und Nähe auf der einen und dem Respekt vor der Eigenständigkeit auf der anderen Seite. Eine Familien- oder Angehörigenberatung kann helfen, diese Balance zu finden und die Rollen im Alltag neu zu ordnen. Viele Familien erleben es als Erleichterung, wenn sie merken, dass sie nicht alles allein und nicht alles richtig machen müssen.
Ein Satz geht dabei leicht unter: Das Familienleben darf nicht vollständig von der Erkrankung bestimmt werden. Gemeinsame Momente, die nichts mit Essen oder Krankheit zu tun haben, sind kein Verrat an der Sorge, sondern eine Quelle von Kraft für alle Beteiligten. Ein Spieleabend, ein Ausflug oder ein gemeinsames Lachen erinnern daran, dass hinter der Erkrankung ein Mensch steht, den ihr liebt, und dass da noch viel mehr ist als die Essstörung.
So gehst du vor
- Beobachte in Ruhe, welche Veränderungen dir auffallen, ohne die Person sofort damit zu konfrontieren.
- Such ein ruhiges Gespräch, sprich deine Sorge in Ich-Botschaften an und lass Essen und Gewicht außen vor.
- Höre zu, nimm die Gefühle ernst und dräng weder auf schnelle Lösungen noch auf eine sofortige Behandlung.
- Biete an, die Person zu einer Beratung oder zum Arzt zu begleiten, und halte das Angebot offen.
- Hol dir selbst Unterstützung, etwa beim Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031 oder bei ANAD.
Wenn der betroffene Mensch in akuter körperlicher Gefahr ist, etwa bei Ohnmacht, Herzrasen oder Kreislaufzusammenbruch, wähle sofort die 112. Bei einer akuten seelischen Krise oder Hinweisen auf Suizidgedanken ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar. Für dich als Angehörige berät das Beratungstelefon Essstörungen der BZgA kostenlos unter 0221 892031. Eltern und Erziehende erreichen zusätzlich das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0550.
Häufige Fragen
Wie spreche ich einen Menschen auf eine mögliche Essstörung an?
Wähle einen ruhigen Moment ohne Zeitdruck und sprich das veränderte Verhalten an, das dir auffällt, nicht das Gewicht oder das Essen. Nutze Ich-Botschaften wie Ich mache mir Sorgen, statt Vorwürfe zu machen oder eine Diagnose zu stellen. Rechne mit Abwehr und bleib trotzdem ruhig und zugewandt. Wichtig ist, dass dein Angebot bestehen bleibt, auch wenn es zunächst abgelehnt wird.
Soll ich das Essen der betroffenen Person kontrollieren?
Nein, Kontrolle und Essensregeln führen bei einer Essstörung meist in einen Machtkampf und verschärfen die Lage. Das Essen ist zum Austragungsort innerer Konflikte geworden, und Druck lässt die Person sich weiter zurückziehen. Hilfreicher ist es, in Beziehung zu bleiben, zuzuhören und Unterstützung anzubieten. Bei minderjährigen Kindern darfst du als Elternteil aktiver werden, aber auch dann wirkt Begleitung besser als Kontrolle.
Was kann ich tun, wenn die Person keine Hilfe annehmen will?
Bei erwachsenen Betroffenen kannst du eine Behandlung nicht erzwingen. Deine Rolle ist, verlässlich da zu sein, das Gespräch offen zu halten und ruhig immer wieder auf Hilfsangebote hinzuweisen. Setz keine Ultimaten, sondern mach klar, dass du bereitstehst, sobald die Person so weit ist. Hol dir selbst Beratung, damit du diese oft lange Phase gut aushältst.
Bin ich schuld an der Essstörung meines Kindes?
Nein, niemand verursacht die Essstörung eines anderen Menschen allein. Essstörungen entstehen aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren, darunter Veranlagung, seelische Belastungen und der gesellschaftliche Druck. Schuldgefühle sind verständlich, helfen aber weder dir noch deinem Kind. Sinnvoller ist es, dir selbst Unterstützung zu holen, etwa in einer Angehörigenberatung oder Elterngruppe.
Wo bekomme ich als Angehörige Unterstützung?
Beratung für Angehörige gibt es beim Beratungstelefon Essstörungen der BZgA unter 0221 892031 und bei Fachstellen wie ANAD, die Angehörigenberatung, Elternabende und Workshops anbieten. Eltern erreichen zusätzlich das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0550. Der Austausch mit anderen Angehörigen in einer Selbsthilfegruppe entlastet zusätzlich.
Quellen
- ANAD, Für Angehörige anad.de
- BZgA, Informationen zu Essstörungen bzga-essstoerungen.de
- Bundesfachverband Essstörungen, Informationen für Angehörige bundesfachverbandessstoerungen.de
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