Helfer in der Krise

Kinder psychisch kranker Eltern

Geprüft von der Redaktion

Kinder psychisch kranker Eltern
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • In Deutschland wächst etwa jedes fünfte Kind mit einem psychisch kranken oder suchtkranken Elternteil auf, das sind rund 3,8 Millionen junge Menschen. Du bist mit dieser Situation also nicht allein.
  • Die Krankheit deiner Mutter oder deines Vaters ist nicht deine Schuld, und du kannst sie nicht heilen. Verantwortlich dafür bist du nicht.
  • Viele Kinder übernehmen unbemerkt zu viel: Haushalt, Geschwister, Sorgen. Das nennt man Parentifizierung, und es kann auf Dauer krank machen.
  • Es gibt kostenlose Gruppen nur für Kinder wie dich, dazu Erziehungs- und Familienberatung. Erste Anlaufstelle ist eine Beratungsstelle in deiner Nähe oder das Jugendamt.
  • Wenn du reden möchtest, ist die Nummer gegen Kummer unter 116 111 kostenlos und anonym für dich da.
  • Geht es deinem Elternteil akut sehr schlecht oder besteht Lebensgefahr, wähle 112. Das ist keine Petzerei, sondern Hilfe.

Was bedeutet es, wenn ein Elternteil psychisch krank ist?

Wenn deine Mutter oder dein Vater psychisch krank ist, verändert das euren Alltag, oft ohne dass jemand offen darüber spricht. Eine Depression, eine Psychose, eine Angsterkrankung oder eine Suchterkrankung kann dazu führen, dass ein Elternteil sich zurückzieht, sich anders verhält als sonst oder für dich nicht immer da sein kann. Das ist für dich verwirrend und manchmal beängstigend. Wichtig ist zu wissen: Eine psychische Krankheit ist eine Krankheit wie andere auch. Sie sagt nichts darüber aus, ob dein Elternteil dich liebt.

Du bist damit nicht allein. Fachleute schätzen, dass in Deutschland etwa jedes fünfte Kind zeitweise mit einem psychisch erkrankten oder suchtkranken Elternteil aufwächst, insgesamt rund 3,8 Millionen. In fast jeder Schulklasse sitzt also mindestens ein Kind, dem es ähnlich geht wie dir. Nur redet kaum jemand darüber, und genau das macht es so schwer.

Du bist nicht schuld, und du kannst die Krankheit nicht heilen

Viele Kinder glauben, sie seien schuld an der Krankheit ihrer Eltern, oder sie müssten sie mit gutem Verhalten wieder gesund machen. Beides stimmt nicht. Eine psychische Erkrankung entsteht aus vielen Gründen, und keiner davon bist du. Du hast sie nicht ausgelöst, und du kannst sie nicht wegnehmen, so sehr du es dir auch wünschst.

Was du tun kannst, ist etwas anderes: gut für dich selbst sorgen und dir Menschen suchen, die dir helfen. Das ist kein Verrat an deinem kranken Elternteil. Im Gegenteil, es hilft der ganzen Familie, wenn nicht alles auf deinen Schultern liegt. Dir Hilfe zu holen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.

Woran du merkst, dass dich die Situation überlastet

Kinder in dieser Lage übernehmen oft still sehr viel. Sie kochen, kümmern sich um jüngere Geschwister, trösten den kranken Elternteil oder halten den Haushalt am Laufen. Fachleute nennen das Parentifizierung, wenn ein Kind die Rolle eines Erwachsenen übernimmt. Eine Weile geht das gut, auf Dauer kann es dich aber krank machen. Studien zeigen, dass betroffene Kinder ein drei- bis vierfach erhöhtes Risiko haben, selbst seelisch zu erkranken.

Achte auf diese Zeichen bei dir. Sie bedeuten, dass es Zeit ist, dir Hilfe zu holen:

  • Du bist ständig müde, kannst schlecht schlafen oder hast oft Bauch- oder Kopfschmerzen.
  • Du ziehst dich von Freundinnen und Freunden zurück und hast das Gefühl, niemand versteht dich.
  • Du machst dir dauernd Sorgen und kannst dich in der Schule kaum konzentrieren.
  • Du hast das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein, und traust dich nicht, das Haus zu verlassen.
  • Du bist oft traurig, gereizt oder leer und weißt nicht, wohin mit deinen Gefühlen.
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Was Kindern hilft, greift ineinander: Reden führt zu Verstehen, Verstehen macht Entlastung möglich, und eigene Freiräume geben wieder Kraft zum Reden Bild: KI generiert.

Warum es hilft, über die Krankheit zu reden

Das Schweigen ist für viele Kinder das Schlimmste. Wenn niemand erklärt, was mit Mama oder Papa los ist, füllst du die Lücke mit eigenen, oft angsteinflößenden Erklärungen. Deshalb hilft es so sehr, wenn die Krankheit einen Namen bekommt und jemand sie dir altersgerecht erklärt. Zu verstehen, dass die Traurigkeit deiner Mutter eine Depression ist und nicht deine Schuld, nimmt dir einen Teil der Last.

Reden darfst du. Es ist kein Geheimnis, das du für immer hüten musst, und du verrätst deine Familie nicht, wenn du dir jemanden zum Vertrauen suchst. Das kann eine Lehrerin sein, eine Trainerin, die Eltern einer Freundin oder eine Beratungsstelle. Es gibt außerdem Gruppen, in denen Kinder zusammenkommen, deren Eltern ebenfalls psychisch krank sind. Dort merkst du, dass es anderen genauso geht, und musst nichts erklären.

Was Kindern in dieser Lage besonders hilft

Die Forschung ist sich in einem Punkt einig: Kinder kommen mit der Krankheit eines Elternteils erstaunlich gut zurecht, wenn ein paar Dinge stimmen. Das Wichtigste ist eine verlässliche Bezugsperson, ein Mensch, auf den du dich verlassen kannst, egal wie es zu Hause läuft. Das muss kein Elternteil sein, es kann auch eine Großmutter, ein Onkel, eine Lehrerin oder eine Trainerin sein.

Genauso wichtig sind eigene Inseln. Damit ist alles gemeint, was nur dir gehört: ein Hobby, ein Sport, Zeit mit Freunden, ein Ort, an dem du einfach Kind oder Jugendlicher sein darfst. Du darfst Spaß haben, auch wenn es deinem Elternteil schlecht geht. Das ist kein schlechtes Gewissen wert, sondern notwendig, damit du Kraft behältst. Dazu kommt Wissen: zu verstehen, was die Krankheit ist, und einen Plan zu haben, was im Notfall zu tun ist. Wer weiß, wen er anrufen kann, fühlt sich weniger hilflos.

Wo du und deine Familie Hilfe bekommt

Es gibt mehr Hilfe, als die meisten wissen, und vieles davon ist kostenlos und vertraulich. Die folgende Übersicht zeigt dir, wer wofür zuständig ist. Du kannst dich direkt an diese Stellen wenden, auch ohne deine Eltern.

AnlaufstelleWofür sie da ist
Nummer gegen Kummer, 116 111anonymes Reden für Kinder und Jugendliche, kostenlos
Erziehungs- und FamilienberatungBeratung für die ganze Familie nach Paragraf 28 SGB VIII, kostenlos
Gruppenangebote wie KIPKELGruppen nur für Kinder psychisch kranker Eltern, kostenfrei
JugendamtHilfen zur Erziehung, zum Beispiel eine Familienhilfe zu Hause
Sozialpsychiatrischer DienstHilfe für den erkrankten Elternteil, auch im Notfall
BAG KipESuche nach Angeboten für betroffene Familien in deiner Region

Ein bewährtes Beispiel ist das Projekt KIPKEL, das es seit 1998 im Kreis Mettmann gibt und das in vielen Regionen Nachahmer gefunden hat. Dort werden Kinder von einer Fachkraft begleitet, es gibt Familiengespräche, und die Krankheit wird enttabuisiert. Die Angebote sind kostenfrei. Über die Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder psychisch erkrankter Eltern findest du Angebote in deiner Nähe.

Was du tun kannst, wenn es deinem Elternteil akut schlecht geht

Manchmal spitzt sich eine Krankheit zu. Dein Elternteil äußert vielleicht, nicht mehr leben zu wollen, oder verhält sich so, dass du Angst bekommst. Für solche Momente ist es gut, vorher einen Plan zu haben. Du musst das nicht allein schaffen.

  1. Bring dich und jüngere Geschwister zuerst in Sicherheit, wenn du dich bedroht fühlst.
  2. Ruf bei Lebensgefahr sofort den Notruf 112 an. Sag ruhig, was du siehst.
  3. Hol einen Erwachsenen dazu, dem du vertraust, etwa Nachbarn oder Verwandte.
  4. Sprich mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst oder dem ärztlichen Krisendienst über die Lage.
  5. Wenn du danach reden musst, ruf die Nummer gegen Kummer unter 116 111 an.

Den Notruf zu wählen ist kein Verrat. Es ist die richtige Hilfe für deinen Elternteil, und niemand wird dir daraus einen Vorwurf machen.

Wenn es dir sehr schlecht geht oder du dir Sorgen um dich oder deinen Elternteil machst, hol dir Hilfe. Die Nummer gegen Kummer ist für Kinder und Jugendliche kostenlos und anonym unter 116 111 erreichbar. Erwachsene, die einem Kind beistehen wollen, erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Die Telefonseelsorge hilft rund um die Uhr unter 116 123. Bei akuter Lebensgefahr, etwa wenn jemand sich das Leben nehmen will, wähle sofort 112.

Häufige Fragen

Werde ich selbst auch psychisch krank, wenn meine Eltern es sind?

Nein, das ist kein festes Schicksal. Kinder psychisch kranker Eltern haben zwar ein höheres Risiko, selbst zu erkranken, aber die meisten werden nicht krank. Entscheidend ist, ob du verlässliche Menschen um dich hast, über die Situation reden kannst und Entlastung bekommst. Genau deshalb lohnt es sich, dir früh Hilfe zu suchen.

Nimmt das Jugendamt mich weg, wenn ich mir Hilfe hole?

In den allermeisten Fällen nicht. Das Jugendamt will Familien zusammenhalten und bietet zuerst unterstützende Hilfen an, etwa eine Familienhilfe zu Hause oder eine Beratung. Ein Kind wird nur dann anders untergebracht, wenn es zu Hause ernsthaft in Gefahr ist und keine andere Lösung schützt. Sich Hilfe zu holen führt also fast nie zu einer Trennung, sondern meist zu Entlastung.

Darf ich mir Hilfe holen, ohne dass meine Eltern es erfahren?

Ja. Die Nummer gegen Kummer und viele Beratungsstellen beraten dich anonym und vertraulich. Nach Paragraf 8 SGB VIII haben Kinder und Jugendliche das Recht, sich in einer Not- oder Konfliktlage auch ohne Wissen der Eltern beraten zu lassen. Du musst also nicht erst um Erlaubnis fragen, um mit jemandem zu sprechen.

Was ist eine Gruppe für Kinder psychisch kranker Eltern?

Das sind Treffen, bei denen Kinder zusammenkommen, deren Mutter oder Vater seelisch krank ist. Eine Fachkraft leitet die Gruppe, ihr redet, spielt und lernt, mit der Situation umzugehen. Der große Vorteil: Alle dort kennen das Thema, du musst nichts erklären und fühlst dich nicht mehr als Einzelfall. Solche Angebote sind meist kostenlos, frag bei einer Beratungsstelle oder bei der BAG KipE danach.

Muss ich mich um meine kranke Mutter oder meinen kranken Vater kümmern?

Für die Behandlung und Versorgung eines erkrankten Erwachsenen sind andere Erwachsene und Fachleute zuständig, nicht du. Es ist verständlich, dass du helfen möchtest, aber du bist nicht dafür verantwortlich, deinen Elternteil gesund zu machen oder die Familie allein zu tragen. Wenn du merkst, dass zu viel an dir hängt, sag das einer Beratungsstelle oder dem Jugendamt. Sie können Entlastung organisieren.

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