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Die Phasen der Trauer

Geprüft von der Redaktion

Die Phasen der Trauer
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Psychologin Verena Kast beschreibt vier Trauerphasen: Nicht-wahrhaben-wollen, aufbrechende Gefühle, Suchen und Sich-Trennen, neuer Selbst- und Weltbezug.
  • Die vier Phasen laufen nicht wie eine Checkliste nacheinander ab, sie überlappen sich und kehren wieder.
  • Das ältere Modell von Elisabeth Kübler-Ross beschreibt eigentlich das Sterben, nicht die Trauer der Hinterbliebenen danach.
  • Neuere Modelle wie das duale Prozessmodell sehen Trauer als Pendeln zwischen Schmerz und Alltag, nicht als feste Abfolge.
  • Keine Phase hat eine feste Dauer, wie lange sie anhält, ist von Mensch zu Mensch verschieden.
  • Wiederkehrende Wellen von Trauer nach Wochen oder Monaten sind normal und kein Rückschritt.

Die vier Trauerphasen nach Verena Kast

Verena Kast beschreibt die Trauer nach einem Verlust in vier Phasen: Nicht-wahrhaben-wollen, aufbrechende Gefühle, Suchen und Sich-Trennen sowie ein neuer Selbst- und Weltbezug. Die Schweizer Psychologin entwickelte das Modell 1982 in ihrem Buch "Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses", das seither zu den meistgelesenen deutschsprachigen Werken zum Thema zählt.

Kast hat an der Universität Zürich über die Bedeutung der Trauer im therapeutischen Prozess habilitiert und jahrzehntelang als Psychotherapeutin gearbeitet. Später veröffentlichte sie mit "Sich einlassen und loslassen: Neue Lebensmöglichkeiten bei Trauer und Trennung" ein weiteres zentrales Werk zum Thema. In manchen Darstellungen, etwa auf dem österreichischen Gesundheitsportal, wird ihr Modell zusätzlich mit Überlegungen des schwedischen Psychiaters Johann Cullberg zu psychischen Krisen verbunden, die Grundbewegung bleibt dabei dieselbe.

Das Modell beschreibt keine Schritte, die sich der Reihe nach abhaken lassen, sondern typische innere Bewegungen, die bei den meisten Trauernden vorkommen, wenn auch in unterschiedlicher Stärke und Reihenfolge. Wer die vier Phasen kennt, kann eigene Reaktionen leichter einordnen, ohne sich selbst als falsch trauernd zu empfinden.

Nicht-wahrhaben-wollen als erste Reaktion

Die erste Phase nach Verena Kast heißt Nicht-wahrhaben-wollen: Der Verlust ist noch nicht wirklich begreifbar, viele Betroffene fühlen sich wie betäubt oder funktionieren rein automatisch weiter. Diese Schockphase kann von wenigen Stunden bis zu etwa vier Wochen dauern.

Typisch sind ein Gefühl innerer Lähmung, Unglauben, und manchmal sogar das Fortführen des Alltags, als wäre nichts geschehen. Körper und Psyche schützen sich damit vor einer Wirklichkeit, die sich in diesem Moment nicht auf einmal verarbeiten lässt. Wer in dieser Phase kaum weinen kann oder erstaunlich gefasst wirkt, trauert deshalb nicht weniger. Für Angehörige ist das oft schwer zu deuten, weil ein gefasster Mensch nicht bedeutet, dass es ihm gut geht.

Aufbrechende Gefühle in der zweiten Phase

In der zweiten Phase brechen die zurückgehaltenen Gefühle auf: Trauer, Zorn, Angst und Schuldgefühle treten jetzt oft ungefiltert und im schnellen Wechsel auf. Diese Phase beginnt meist innerhalb der ersten vier Wochen nach dem Tod und kann sich über Monate hinziehen.

Viele Trauernde erschrecken über die Heftigkeit dieser Gefühle, etwa über plötzliche Wut auf die verstorbene Person oder auf sich selbst. Das ist keine Fehlreaktion, sondern der Moment, in dem die Realität des Verlusts tatsächlich ankommt. Körperliche Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen gehören in dieser Zeit häufig dazu. Schuldgefühle drehen sich oft um die Frage, ob man etwas hätte anders machen können. Sie lassen sich selten wegargumentieren, aber es hilft, sie auszusprechen, statt sie mit sich allein zu tragen.

Suchen und Sich-Trennen von der Bindung

Die dritte Phase dreht sich ums Suchen und Sich-Trennen: Trauernde suchen die Nähe der verstorbenen Person, etwa über Erinnerungen, Fotos oder vertraute Orte, und beginnen gleichzeitig, sich von der alten Form der Bindung zu lösen. Beides geschieht oft im selben Moment.

Diese Phase fühlt sich häufig widersprüchlich an. Ein Gespräch am Grab, das erneute Betrachten von Fotos oder Briefen kann trösten und gleichzeitig schmerzen, weil dabei klar wird, dass sich die Beziehung zur verstorbenen Person verändert hat und weiter verändern wird. Manche Trauernde führen innere Gespräche mit dem verstorbenen Menschen oder bewahren Gegenstände auf. Das ist kein Zeichen, dass sie den Verlust nicht wahrhaben, sondern ein Weg, die Bindung in eine neue Form zu überführen.

Ein neuer Selbst- und Weltbezug am Ende

Die vierte Phase beschreibt einen neuen Selbst- und Weltbezug: Das innere Gleichgewicht kehrt allmählich zurück, und die verstorbene Person bekommt einen festen, aber veränderten Platz im eigenen Leben. Neue Interessen, Beziehungen oder Aufgaben werden wieder möglich.

Das bedeutet nicht, dass der Verlust vergessen wird. Es bedeutet, dass er ein Teil der eigenen Geschichte wird, mit dem sich weiterleben lässt, statt gegen ihn ankämpfen zu müssen. Viele Trauernde berichten, dass sie sich durch den Verlust verändert haben, manche entdecken neue Prioritäten oder eine andere Sicht auf das eigene Leben. Diese Phase hat kein festes Ende, sie geht in ein Weiterleben mit der Erinnerung über.

Die vier Traueraufgaben nach William Worden

Neben den Phasenmodellen beschreibt der amerikanische Trauerforscher William Worden vier Traueraufgaben, die Trauernde bewältigen: den Verlust als Realität anzuerkennen, den Schmerz und die vielen widersprüchlichen Gefühle zuzulassen, sich an ein Leben ohne den verstorbenen Menschen anzupassen und schließlich eine neue, dauerhafte Form der Verbindung zu ihm zu finden, während man sich dem eigenen Leben wieder zuwendet.

Der Unterschied zu den Phasen ist wichtig: Eine Aufgabe ist etwas Aktives, das man angehen kann, während eine Phase eher etwas ist, das über einen kommt. Wordens Modell nimmt Trauernden damit ein Stück Ohnmacht, weil es zeigt, wo man selbst ansetzen kann. Auch diese Aufgaben lassen sich nicht der Reihe nach abarbeiten. Sie greifen ineinander, und an manchen arbeitet ein Mensch über Jahre, an anderen nur kurz. Die vierte Aufgabe schließt ausdrücklich ein, sich wieder neuen Menschen und Beziehungen zu öffnen, ohne den verstorbenen deshalb zu vergessen.

Das duale Prozessmodell: Trauern in Wellen

Das duale Prozessmodell der Trauerforscher Margaret Stroebe und Henk Schut aus dem Jahr 1999 gilt heute als eines der am besten belegten Modelle. Es beschreibt Trauer nicht als Abfolge, sondern als ständiges Pendeln zwischen zwei Polen: der Auseinandersetzung mit dem Verlust selbst und der Zuwendung zum weiterlaufenden Alltag.

Am verlustorientierten Pol beschäftigen sich Trauernde mit ihren Erinnerungen, ihrer Sehnsucht und ihrem Schmerz. Am wiederherstellungsorientierten Pol kümmern sie sich um die praktischen Seiten des Lebens, um neue Aufgaben, um Erledigungen, die der Tod mit sich bringt, und um sich selbst. Zwischen beiden Polen schwingt der Mensch hin und her, mal schneller, mal langsamer.

Dieses Modell erklärt gut, warum Trauernde an einem Tag von Schmerz überwältigt sind und am nächsten wieder lachen oder arbeiten können. Das ist kein Widerspruch und kein Zeichen von Kälte, sondern gesunder Selbstschutz. Der Wechsel zwischen Schmerz zulassen und Pause machen ist genau das, was die Verarbeitung möglich macht. Wer sich für einen unbeschwerten Moment schuldig fühlt, findet in diesem Modell eine Entlastung: Auch die Pausen gehören zur Trauer.

Warum die Phasen keine feste Reihenfolge haben

Die vier Trauerphasen laufen bei den wenigsten Menschen sauber nacheinander ab, sie überlappen sich und können mehrfach durchlaufen werden. Verena Kast selbst versteht ihr Modell als Orientierung, nicht als verbindliche Abfolge.

In der Praxis heißt das: Wer nach Monaten wieder von starker Trauer überrascht wird, ist nicht in die erste Phase zurückgefallen. Auslöser wie ein Jahrestag, ein Lied oder ein bestimmter Ort können Gefühle aus der zweiten Phase jederzeit wieder wachrufen, selbst wenn der neue Selbst- und Weltbezug schon begonnen hat. Fachleute sprechen von Trauerwellen. Sie werden über die Zeit meist seltener und weniger heftig, verschwinden aber selten ganz.

Das ältere Modell von Elisabeth Kübler-Ross

Das bekannteste Trauermodell stammt eigentlich nicht von einer Trauernden, sondern von einer Sterbenden: Elisabeth Kübler-Ross beschrieb 1969 fünf Phasen, mit denen todkranke Menschen die eigene Diagnose verarbeiten, Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Erst später wurde ihr Modell auch auf die Trauer von Hinterbliebenen übertragen, obwohl es dafür ursprünglich nicht entwickelt wurde.

Kübler-Ross selbst hat später eingeräumt, dass ihre fünf Phasen weniger linear gemeint waren, als sie oft verstanden wurden. Eine feste Abfolge von Trauerphasen lässt sich bis heute wissenschaftlich nicht belegen, weder für ihr Modell noch für das von Kast. Beide Modelle bleiben trotzdem hilfreich, weil sie in Worte fassen, was viele Trauernde erleben, ohne einen Zeitplan vorzugeben. Wichtig ist vor allem, sie als Landkarte und nicht als Fahrplan zu lesen, auf der sich der eigene Weg wiedererkennen lässt, auch wenn er anders verläuft.

1Nicht-wahrhaben-wollen2Aufbrechende Gefühle3Suchen und Sich-Trennen4Neuer Selbst- und Weltbezug
Die vier Phasen der Trauer nach Verena Kast. Bild: KI generiert.

Die Modelle von Kast und Kübler-Ross im Vergleich

MerkmalVerena KastElisabeth Kübler-Ross
Jahr der Veröffentlichung19821969
Ursprünglich entwickelt fürTrauernde nach einem VerlustSterbende Patientinnen und Patienten
Zahl der PhasenVierFünf
PhasennamenNicht-wahrhaben-wollen, aufbrechende Gefühle, Suchen und Sich-Trennen, neuer Selbst- und WeltbezugLeugnen, Zorn, Verhandeln, Depression, Akzeptanz
ReihenfolgeKeine feste Abfolge, Phasen wiederholen sichUrsprünglich als Abfolge beschrieben, später von Kübler-Ross selbst relativiert

Die ersten Schritte, wenn eine Trauerphase dich überfordert

  1. Gib der ersten Schockphase Raum, statt sofort wieder funktionieren zu wollen.
  2. Sprich mit Menschen, die zuhören, ohne deine Gefühle zu bewerten.
  3. Lass starke Gefühle wie Wut, Angst oder Schuld zu, statt sie zu unterdrücken.
  4. Erlaube dir auch die Pausen vom Schmerz, in denen der Alltag oder ein schöner Moment Raum bekommt.
  5. Halte Erinnerungen fest, zum Beispiel mit Fotos, einem Brief oder einem festen Ritual.
  6. Hol dir Unterstützung, wenn eine Phase dich über viele Monate hinweg lähmt.

Wenn dich die Trauer überwältigt oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, im Notfall die 112.

Häufige Fragen

Muss ich die vier Trauerphasen nach Verena Kast in der genannten Reihenfolge durchlaufen?

Nein, die vier Trauerphasen nach Verena Kast müssen nicht der Reihe nach ablaufen. Sie können sich überlappen, in anderer Reihenfolge auftreten oder mehrfach wiederkehren. Das Modell beschreibt typische Erfahrungen, keine Checkliste.

Wie lange dauert eine einzelne Trauerphase nach dem Modell von Verena Kast?

Für keine der vier Trauerphasen gibt Verena Kast eine feste Dauer an. Die Schockphase dauert oft einige Tage bis wenige Wochen, die folgenden Phasen können sich über Monate oder länger erstrecken, abhängig von der Beziehung zur verstorbenen Person und den Umständen des Todes.

Worin unterscheidet sich das Trauermodell von Verena Kast vom Modell nach Kübler-Ross?

Das Trauermodell von Verena Kast wurde 1982 gezielt für Hinterbliebene entwickelt, während Elisabeth Kübler-Ross 1969 mit ihren fünf Phasen ursprünglich beschrieb, wie sterbende Menschen die eigene Diagnose verarbeiten. Erst später wurde das Modell von Kübler-Ross auch auf die Trauer nach einem Verlust übertragen.

Was ist das duale Prozessmodell der Trauer?

Das duale Prozessmodell von Margaret Stroebe und Henk Schut aus dem Jahr 1999 beschreibt Trauer als Pendeln zwischen zwei Polen: dem Auseinandersetzen mit dem Verlust und dem Zuwenden zum Alltag. Es erklärt, warum Trauernde zwischen tiefem Schmerz und unbeschwerten Momenten hin und her wechseln, und deutet dieses Wechseln als gesunden Teil der Verarbeitung.

Ist es normal, wenn Trauergefühle nach Monaten plötzlich zurückkehren?

Ja, es ist normal, wenn Trauergefühle nach Monaten zurückkehren, etwa an einem Jahrestag oder ausgelöst durch ein Lied oder einen Ort. Das ist kein Rückfall in die erste Phase, sondern Teil eines Prozesses, der sich nicht linear, sondern in Wellen bewegt.

Wer war Verena Kast und warum gilt ihr Trauermodell als Standardwerk?

Verena Kast ist eine Schweizer Psychologin und Psychotherapeutin, geboren 1943, die an der Universität Zürich über die Bedeutung der Trauer im therapeutischen Prozess habilitiert hat und lange als Professorin sowie als Präsidentin des C. G. Jung-Instituts Zürich tätig war. Ihr Buch über die vier Trauerphasen von 1982 zählt bis heute zu den meistgelesenen deutschsprachigen Werken zum Thema.

Quellen

  1. Beschreibung der vier Trauerphasen nach Verena Kast und Johann Cullberg, einschließlich Dauer und Verlauf. gesundheit.gv.at
  2. Einordnung von Trauer als individuellem, nicht standardisiertem Prozess und Angebote für Trauerbegleitung. bv-trauerbegleitung.de
  3. Biografie und wissenschaftlicher Werdegang von Verena Kast. de.wikipedia.org
  4. Grundprinzipien des dualen Prozessmodells der Trauerbewältigung nach Stroebe und Schut. trauerforschung.de

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