Einem Menschen in akuter Not beistehen
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Ruhige Präsenz und echtes Zuhören helfen einem Menschen in einer akuten Krise mehr als schnelle Ratschläge.
- Bagatellisieren, etwa mit Sätzen wie "das wird schon wieder", schließt Betroffene eher, statt sie zu öffnen.
- Suizidgedanken offen anzusprechen löst keine Krise aus, es entlastet die meisten Betroffenen.
- Professionelle Hilfe gehört von Anfang an ins Gespräch, nicht erst, wenn nichts mehr geht.
- Wer einem anderen Menschen beisteht, braucht eigene Grenzen und eigene Unterstützung, sonst erschöpft er sich selbst.
Anzeichen einer akuten seelischen Krise
Eine akute seelische Krise zeigt sich meist an einer Mischung aus Rückzug, aufgewühlten Gefühlen und Sätzen, die auf Hoffnungslosigkeit hindeuten. Menschen in einer solchen Krise ziehen sich von Freunden und Familie zurück, wirken erschöpft oder ungewöhnlich gereizt, und ihr Denken kreist immer wieder um dieselben Sorgen, ohne zu einem Schluss zu kommen. Manche werden auffällig unruhig oder aggressiv, andere verstummen fast vollständig. Nach Angaben von Neurologen und Psychiater im Netz gehören verwirrtes Denken, kaum kontrollierbare Angst oder Wut sowie starke Anspannung zu den häufigsten Anzeichen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen indirekte oder direkte Aussagen wie "Ich kann nicht mehr", "Ohne mich wäre es für alle einfacher" oder "Irgendwann muss doch mal Schluss sein". Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe warnt außerdem vor einer trügerischen Ruhe: Wer sich fest zu einem Suizid entschlossen hat, wirkt nach außen oft plötzlich gefasster und ruhiger als vorher, weil die quälende Unentschlossenheit endet. Diese Ruhe wird im Umfeld leicht als Erleichterung missverstanden, dabei kann sie das gefährlichste Zeichen von allen sein. Wer beginnt, Wertgegenstände zu verschenken, Abschiedsbriefe zu schreiben oder sich von nahestehenden Menschen in einer Weise zu verabschieden, die nicht zur Situation passt, sollte das ernst nehmen und nicht als Zufall abtun.
4 Schritte, die in der Krise zählen
In einer akuten Krise zählen vier Dinge in dieser Reihenfolge: da sein, zuhören ohne zu urteilen, die Not ernst nehmen und dann gemeinsam professionelle Hilfe suchen. Diese Reihenfolge ist wichtig, weil jeder übersprungene Schritt das Vertrauen kostet, das die folgenden Schritte brauchen. Wer sofort mit Lösungen kommt, bevor der andere überhaupt das Gefühl hatte, gehört zu werden, erlebt häufig, dass sich sein Gegenüber erst recht verschließt.
Da sein bedeutet zunächst nichts weiter, als körperlich oder telefonisch erreichbar zu sein und das auch zu zeigen. Zuhören ohne zu urteilen heißt, die Gedanken und Gefühle des anderen stehen zu lassen, auch wenn sie einem selbst fremd oder übertrieben vorkommen. Ernst nehmen bedeutet, jede Aussage zu Suizidgedanken oder Verzweiflung als das zu behandeln, was sie ist, und nicht als Übertreibung, die sich von selbst erledigt. Hilfe vermitteln schließlich heißt, den Übergang zu professioneller Unterstützung gemeinsam zu gehen, statt ihn dem erschöpften Menschen allein zu überlassen.
Hilfreiche und schädliche Reaktionen im Gespräch
In einem Krisengespräch helfen ruhige, offene Fragen und echtes Interesse mehr als gut gemeinte Aufmunterung oder schnelle Lösungsvorschläge. Die folgende Übersicht zeigt, welche Reaktionen die TelefonSeelsorge und vergleichbare Fachstellen als hilfreich einstufen und welche eher schaden, auch wenn sie freundlich gemeint sind.
| Reaktion | Wirkung |
|---|---|
| Offene Fragen stellen, etwa "Wie geht es dir gerade wirklich?" | Hilft: öffnet das Gespräch, ohne Antworten vorzugeben |
| Schweigen aushalten | Hilft: gibt Raum, um Gedanken zu ordnen |
| Suizidgedanken direkt ansprechen | Hilft: entlastet, weil das Thema nicht mehr tabu ist |
| "Das wird schon wieder" oder "Andere haben es schwerer" | Schadet: bagatellisiert die Not und erzeugt Schuldgefühle |
| Sofort Ratschläge geben, etwa "Du musst einfach mal raus" | Schadet: übergeht das Bedürfnis, gehört zu werden |
| Zum Reisen oder Ablenken raten | Schadet: die Krise reist mit, die Überforderung bleibt |
| Verantwortung leise mitübernehmen, etwa "Ich rufe mit dir gemeinsam an" | Hilft: senkt die Hürde zur professionellen Hilfe |
Warum schaden Bagatellisieren und ungefragte Ratschläge?
Bagatellisieren und ungefragte Ratschläge schaden, weil sie einem Menschen in der Krise signalisieren, dass seine Not nicht groß genug ist, um ernst genommen zu werden. Wer depressiv oder suizidal ist, sucht die Schuld für den eigenen Zustand oft ohnehin schon bei sich selbst. Ein Satz wie "Reiß dich zusammen" bestätigt diese Selbstanklage, statt sie zu entkräften, und verstärkt damit genau die Gefühle, die die Krise ausgelöst haben. Auch Aufmunterungsversuche, die eigentlich Zuwendung ausdrücken sollen, kommen oft als Zurückweisung an, weil sie andeuten, die Situation sei gar nicht so ernst.
Die TelefonSeelsorge beschreibt das Prinzip so: Ruhe wirkt gegen Angst, Verlangsamen wirkt gegen Aufgewühltheit, Struktur wirkt gegen das Gefühl von Chaos, und Akzeptanz wirkt gegen Rückzug. Wer diese vier Dinge anbietet, statt Lösungen zu liefern, gibt der Person Raum, ihre eigene nächste Handlung zu finden, statt ihr eine Handlung überzustülpen, die zur eigenen Situation gar nicht passt.
Gemeinsam professionelle Hilfe suchen
Professionelle Hilfe holt man am wirksamsten gemeinsam mit der betroffenen Person, statt sie ihr allein zu überlassen. Ein erster Schritt kann so einfach sein wie: "Lass uns zusammen bei deiner Hausärztin anrufen." Wer eine Krise durchmacht, hat oft nicht mehr die Kraft, selbst einen Termin zu organisieren, oder hält einen Arztbesuch für aussichtslos, weil die Hoffnungslosigkeit der Krise auch die Hoffnung auf Hilfe mit einschließt. Genau hier zählt die Initiative der Begleitperson.
Außerhalb der Sprechzeiten von Hausarzt und Psychotherapeutin vermittelt die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung unter der Nummer 116 117 kurzfristige Termine, auch bei psychiatrischen Anliegen. Steht die Person kurz davor, sich selbst zu gefährden, und lässt sich nicht mehr auf ein gemeinsames Gespräch ein, ist der Notruf 112 die richtige Wahl, nicht ein Zögern aus Sorge, zu übertreiben. Bleib in diesem Fall bei der Person, bis Hilfe eintrifft, und beschreibe der Leitstelle die Situation so genau wie möglich. Auch die TelefonSeelsorge kann in einer akuten Situation weiterhelfen, gemeinsam mit der betroffenen Person angerufen oder als Vorbereitung auf das nächste Gespräch genutzt.
Selbstfürsorge für Angehörige und Freunde
Wer über Wochen an der Seite eines Menschen in der Krise steht, braucht selbst Erholung, sonst geht die eigene Kraft aus, bevor die Krise vorbei ist. Viele Angehörige übernehmen nach und nach alltägliche Aufgaben der betroffenen Person, ohne es zu merken, bis sie selbst erschöpft sind. Das ist keine Schwäche, sondern eine vorhersehbare Folge von Dauerbelastung.
Zwei Dinge helfen dagegen. Erstens: eigene Kontakte und eigene Termine nicht aufgeben, auch wenn sich das im Moment egoistisch anfühlt. Zweitens: sich selbst Unterstützung holen, statt alles allein zu tragen. Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen bietet Beratung und vermittelt Angehörigengruppen vor Ort, und das Onlineprogramm unter familiencoach-depression.de zeigt konkrete Übungen für den Alltag mit einem depressiv erkrankten Menschen. Wer merkt, dass die eigene Belastung zu groß wird, sollte das genauso offen bei der eigenen Hausärztin ansprechen, wie man es der begleiteten Person raten würde.
Die ersten Schritte, wenn ein Mensch dir von seiner Krise erzählt
- Sorge für einen ruhigen Rahmen: einen Ort ohne Zeitdruck und ohne Publikum, an dem die Person offen sprechen kann.
- Höre zu, ohne sofort zu bewerten, zu unterbrechen oder eigene Erlebnisse dagegenzusetzen.
- Sprich Suizidgedanken direkt an, wenn du sie vermutest, etwa mit der Frage: "Denkst du manchmal daran, dir das Leben zu nehmen?"
- Biete an, den nächsten Schritt gemeinsam zu gehen, ob Anruf beim Hausarzt, bei der TelefonSeelsorge oder bei der 116 117.
- Vereinbare, wie ihr in Kontakt bleibt, und sprich selbst mit jemandem über deine eigene Belastung.
Wenn du in akuter Gefahr bist oder daran denkst, dir das Leben zu nehmen, hol dir jetzt Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, auch per Chat und Mail. In akuter Lebensgefahr wähle sofort die 112. Du musst das nicht allein durchstehen.
Häufige Fragen
Was sage ich, wenn mir jemand sagt, dass er nicht mehr leben will?
Wenn dir jemand sagt, dass er nicht mehr leben will, nimm den Satz ernst und frage ruhig nach, statt ihn zu überhören oder abzuwiegeln. Eine einfache Frage wie "Seit wann denkst du das schon?" oder "Hast du dir schon überlegt, wie?" öffnet das Gespräch, ohne die Person zu drängen. Anschließend gilt: nicht allein lassen und gemeinsam professionelle Hilfe holen, notfalls über den Notruf 112.
Darf ich jemanden in einer akuten Krise allein lassen?
Jemanden in einer akuten Krise solltest du nicht allein lassen, solange eine konkrete Gefahr für Leib oder Leben besteht. Ist die Person bereits in ärztlicher oder klinischer Behandlung und die unmittelbare Gefahr vorbei, darfst du dich zurückziehen, solltest aber verabreden, wann ihr wieder sprecht. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel dableiben als einmal zu wenig.
Wie spreche ich Suizidgedanken an, ohne etwas falsch zu machen?
Suizidgedanken sprichst du am besten direkt und ruhig an, etwa mit "Ich mache mir Sorgen um dich, denkst du manchmal daran, dir etwas anzutun?" Die verbreitete Angst, man könne den Gedanken durch die Frage erst einpflanzen, ist nach Erfahrung der TelefonSeelsorge und der Depressionshilfe unbegründet. Für die meisten Betroffenen ist es im Gegenteil eine Entlastung, endlich offen darüber sprechen zu können.
Was mache ich, wenn die Person meine Hilfe ablehnt?
Wenn eine Person deine Hilfe zunächst ablehnt, gib nicht nach dem ersten Versuch auf, sondern biete sie in ruhigen Abständen erneut an. Viele Betroffene lehnen Hilfe zunächst ab, weil sie sich schuldig fühlen oder nicht glauben, dass ihnen geholfen werden kann. Ein Angebot wie "Ich bin da, wenn du bereit bist" ohne Druck wirkt oft besser als mehrfaches Drängen.
Wann rufe ich den Notruf, statt selbst zu handeln?
Den Notruf 112 rufst du, sobald eine unmittelbare Gefahr für das Leben der Person besteht, etwa bei konkreten Suizidplänen, laufenden Vorbereitungen oder schon begonnenem selbstschädigendem Verhalten. In dieser Situation zählt jede gewonnene Minute mehr als der Versuch, die Lage allein zu klären. Beschreibe der Leitstelle die Situation klar und bleib bei der Person, bis Hilfe eintrifft.
Wie schütze ich mich selbst, wenn ich jemanden über längere Zeit begleite?
Du schützt dich selbst, indem du eigene Kontakte und Termine nicht aufgibst und dir selbst Unterstützung holst, etwa über den Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen oder eine Angehörigengruppe vor Ort. Wer über Wochen alle Aufgaben eines erkrankten Menschen mitträgt, läuft Gefahr, selbst zu erschöpfen. Sprich offen mit deiner Hausärztin, wenn die Belastung zu groß wird.
Reicht aufmerksames Zuhören allein aus, um jemandem in einer Krise zu helfen?
Aufmerksames Zuhören reicht als erster und wichtigster Schritt fast immer aus, ersetzt aber keine professionelle Behandlung, wenn die Krise anhält oder sich verschärft. Es schafft die Vertrauensbasis, auf der sich professionelle Hilfe überhaupt erst annehmen lässt. Bleibt die Situation über Tage unverändert schwer, gehört der nächste Schritt, ein Arzttermin oder ein Anruf bei der TelefonSeelsorge, mit ins Gespräch.
Woran erkenne ich, dass jemand mehr als ein offenes Ohr braucht?
Mehr als ein offenes Ohr braucht jemand, sobald konkrete Suizidgedanken, Pläne oder Vorbereitungen im Spiel sind, oder wenn sich Verwirrtheit, Wahn oder Halluzinationen zeigen. Auch anhaltende Schlaflosigkeit, völliger Rückzug oder eine auffällige, trügerische Ruhe nach einer Phase der Verzweiflung sind Signale, bei denen professionelle Hilfe nicht länger warten sollte. In diesen Fällen gehört der Kontakt zu Hausarzt, psychiatrischem Notdienst oder Notruf zur Begleitung dazu, als nächster Schritt und nicht als letzter Ausweg.
Quellen
- TelefonSeelsorge Deutschland: Informationen zu Krisen, Zuhören und Erreichbarkeit. telefonseelsorge.de
- Neurologen und Psychiater im Netz: Akute psychische Krise, Anzeichen und Anlaufstellen. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: Suizidalität erkennen und Hilfe finden. deutsche-depressionshilfe.de
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