Mit dem Trinken aufhören
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Der Weg aus der Alkoholsucht beginnt mit der Entscheidung, etwas zu ändern, und einem Gespräch bei einer neutralen Stelle wie einer Suchtberatungsstelle.
- Ein plötzlicher Entzug ohne ärztliche Begleitung kann gefährlich werden, weil dabei ein lebensbedrohliches Delir auftreten kann.
- Das deutsche Suchthilfesystem besteht aus vier Bausteinen: Beratung, körperlicher Entzug, Entwöhnungsbehandlung und Selbsthilfegruppe.
- Ein qualifizierter Entzug behandelt nicht nur den Körper, sondern setzt auch schon an der eigentlichen Abhängigkeit an.
- Medikamente wie Acamprosat oder Naltrexon können nach dem Entzug helfen, das Rückfallrisiko zu senken.
- Rückfälle gehören für viele Betroffene zum Weg aus der Sucht dazu und sind kein Grund, die Abstinenz aufzugeben.
Der erste Schritt ist die Entscheidung, etwas zu ändern
Der Ausstieg aus der Alkoholsucht beginnt nicht im Entzug, sondern mit der inneren Entscheidung, das eigene Trinkverhalten wirklich verändern zu wollen. Diese Entscheidung muss nicht perfekt oder endgültig sein, sie reicht als Startpunkt, um den nächsten Schritt zu gehen.
Viele Betroffene schwanken lange zwischen dem Wunsch aufzuhören und der Angst vor dem, was danach kommt. Diese Ambivalenz ist normal. Oft steht am Anfang kein großer Plan, sondern ein konkreter Anlass: ein ärztlicher Befund, ein Streit in der Familie oder schlicht die Erschöpfung nach einem weiteren Morgen mit Kater. Ein erstes Gespräch bei einer Suchtberatungsstelle setzt keine fertige Entscheidung voraus, dort hilft man dabei, die eigene Situation einzuordnen und ein realistisches Ziel zu finden, sei es eine deutliche Reduktion oder vollständige Abstinenz.
Wie verbreitet eine Alkoholabhängigkeit ist
Eine Alkoholabhängigkeit ist in Deutschland weit häufiger, als viele annehmen. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind rund drei Millionen Menschen alkoholabhängig oder konsumieren in schädlichem Ausmaß, und knapp elf Millionen trinken in einer Weise, die als gesundheitlich riskant gilt.
Diese Zahlen sind aus zwei Gründen wichtig. Zum einen zeigen sie, dass ein Alkoholproblem nichts Außergewöhnliches ist, für das man sich schämen müsste. Zum anderen erklären sie, warum es in Deutschland ein dichtes, gut ausgebautes Hilfesystem gibt. Niemand muss den Weg allein suchen, die Wege sind vorhanden und in aller Regel gut erreichbar.
Ein unbegleiteter Entzug kann lebensgefährlich werden
Wer nach jahrelangem, starkem Alkoholkonsum abrupt und ohne ärztliche Begleitung aufhört, riskiert ernsthafte körperliche Komplikationen bis hin zu einem lebensbedrohlichen Delir. Suchtberatungsstellen raten deshalb bei einer bestehenden körperlichen Abhängigkeit von einem Entzug in Eigenregie ab.
Ein Betroffener, der bei Gesundheitsinformation.de von seinem Weg berichtet, beschreibt genau diesen Fall: Ein kalter Entzug ohne medizinische Betreuung führte bei ihm zu einem Delir und zu einer Einweisung in die geschlossene Psychiatrie, im Rückblick eine sehr belastende Erfahrung für ihn. Ein ärztlich begleiteter Entzug senkt dieses Risiko erheblich, weil Ärztinnen und Ärzte Kreislauf, Schlaf und mögliche Krampfanfälle engmaschig überwachen und bei Bedarf Medikamente einsetzen.
Ob ein Entzug ambulant unter ärztlicher Aufsicht oder stationär in einer Klinik stattfinden sollte, klärt sich meist schon im ersten Beratungsgespräch. Wer schon einmal einen schweren Entzug oder Krampfanfälle erlebt hat oder wer neben der Alkoholabhängigkeit weitere gesundheitliche Probleme hat, wird in der Regel zu einer stationären Behandlung geraten.
Qualifizierter Entzug statt reiner Entgiftung
Fachleute unterscheiden zwischen einer reinen körperlichen Entgiftung und einem qualifizierten Entzug, und dieser Unterschied entscheidet oft über den weiteren Verlauf. Die reine Entgiftung behandelt nur die körperliche Seite, also die Entzugserscheinungen selbst. Sie dauert meist wenige Tage und ist danach abgeschlossen.
Der qualifizierte Entzug geht darüber hinaus. Neben der körperlichen Behandlung kommen von Anfang an motivierende Gespräche, eine psychosoziale Begleitung und die Planung der nächsten Schritte hinzu, also die Vorbereitung auf eine Entwöhnung oder eine Selbsthilfegruppe. Der Grund für diese erweiterte Form ist ein bekanntes Problem: Wer nur körperlich entgiftet und danach ohne Anschluss nach Hause geht, ist besonders rückfallgefährdet und landet oft schon nach kurzer Zeit wieder in der Klinik. Diesen Kreislauf nennt man Drehtüreffekt. Der qualifizierte Entzug soll ihn durchbrechen, indem er den Übergang in die weitere Behandlung gleich mitplant.
4 Bausteine der Suchthilfe in Deutschland
Das deutsche Suchthilfesystem gliedert sich in vier aufeinander aufbauende Bausteine: Beratung, körperlicher Entzug, Entwöhnungsbehandlung und Selbsthilfegruppe. Jeder Baustein hat eine eigene Aufgabe und einen eigenen Kostenträger.
| Baustein | Was dort passiert | Wer zahlt |
|---|---|---|
| Suchtberatungsstelle | Einordnung des Alkoholproblems, Vermittlung an Entzug oder Reha | kostenlos und anonym |
| Körperlicher Entzug | Ärztlich begleiteter Abbau der körperlichen Abhängigkeit, ambulant oder stationär | gesetzliche Krankenversicherung |
| Entwöhnungsbehandlung (Reha) | Psychosoziale Stabilisierung über mehrere Wochen mit Ärzten, Psychologen und Sozialarbeit | Deutsche Rentenversicherung oder Krankenkasse |
| Selbsthilfegruppe | Regelmäßiger Austausch mit anderen Betroffenen, zeitlich unbegrenzt | kostenlos |
Bundesweit gibt es zahlreiche Suchtberatungsstellen, oft kommunal oder kirchlich organisiert, bei denen sich der passende Weg durch dieses System klären lässt, meist schon beim ersten, unverbindlichen Termin. Entzug und Entwöhnung sind rechtlich zwei getrennte Leistungen, die häufig auch getrennt beantragt werden müssen. Die Beratungsstelle übernimmt dabei die Rolle der Lotsin durch die Zuständigkeiten. Grundlage für die Behandlung ist die medizinische S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen, an der sich Kliniken und Praxen in Deutschland orientieren.
Medikamente können nach dem Entzug den Rückfall verhindern helfen
Nach dem körperlichen Entzug können bestimmte Medikamente das Rückfallrisiko senken. Die medizinische Leitlinie empfiehlt für diese Phase vor allem zwei Wirkstoffe, Acamprosat und Naltrexon. Beide zielen auf das Verlangen nach Alkohol und werden deshalb umgangssprachlich als Anti-Craving-Mittel bezeichnet. Daneben gibt es weitere Wirkstoffe wie Nalmefen und Disulfiram, die in bestimmten Situationen zum Einsatz kommen.
Wichtig ist die richtige Erwartung. Diese Medikamente sind kein Ersatz für Beratung, Entwöhnung oder Selbsthilfe, und sie wirken nicht wie ein Schalter, der das Trinken abstellt. Die belegten Effekte sind real, aber eher klein: Sie machen Abstinenz etwas leichter und einen Rückfall etwas unwahrscheinlicher, immer als Teil eines Gesamtplans. Ob ein solches Medikament infrage kommt, welches und in welcher Form, entscheidet immer eine Ärztin oder ein Arzt, nie die Eigeninitiative.
Rückfälle gehören zum Weg aus der Sucht dazu
Ein Rückfall gehört für viele Menschen zum Prozess des Aufhörens dazu und bedeutet nicht automatisch, dass der bisherige Weg gescheitert ist. Wichtiger als die Frage, ob ein Rückfall passiert, ist, wie schnell jemand danach wieder Unterstützung sucht.
Der bereits erwähnte Erfahrungsbericht von Gesundheitsinformation.de zeigt das deutlich: Nach mehreren Klinikaufenthalten fiel der Betroffene jedes Mal nach wenigen Wochen wieder auf sein altes Konsumniveau zurück, bis eine dreimonatige Therapie mit intensiver Gruppenarbeit den entscheidenden Unterschied machte. Heute ist er nach eigenen Angaben seit zwei Jahren abstinent und betont, dass niemand mit einer Abhängigkeit jemals denken dürfe, das Thema sei endgültig erledigt. Ein Notfallplan für Risikosituationen half ihm dabei, kritische Momente frühzeitig zu erkennen und langfristig abstinent zu bleiben.
Fachleute sehen Rückfälle zunehmend als Teil eines Lernprozesses und nicht als Beweis für fehlende Willenskraft. Wer nach einem Rückfall den Kontakt zur Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe hält, kehrt in aller Regel schneller wieder auf einen stabilen Weg zurück als jemand, der sich aus Scham zurückzieht.
Typische Risikosituationen wiederholen sich bei vielen Betroffenen: Feiern und Familienfeste, in denen Alkohol wie selbstverständlich dazugehört, Stress bei der Arbeit oder Einsamkeit an ruhigen Abenden. Wer solche Situationen aus der eigenen Trinkgeschichte kennt, kann sich gezielt darauf vorbereiten, etwa mit einer Ausrede für den ersten Drink oder einer Person, die man im Zweifel anrufen kann.
Die ersten Schritte auf dem Weg aus der Alkoholsucht
Der Weg aus der Alkoholsucht folgt in der Suchtberatung meist derselben Grundstruktur, auch wenn sich Tempo und Reihenfolge im Einzelfall unterscheiden.
- Kläre in einem ersten Gespräch bei einer Suchtberatungsstelle oder beim Hausarzt, wie stark die körperliche Abhängigkeit tatsächlich ausgeprägt ist.
- Vereinbare, falls nötig, einen ärztlich begleiteten Entzug, statt die körperliche Entgiftung allein zu Hause zu versuchen.
- Beantrage im Anschluss an den Entzug eine Entwöhnungsbehandlung, die Beratungsstelle unterstützt dich bei den nötigen Anträgen.
- Suche dir schon während des Entzugs eine Selbsthilfegruppe oder ein Nachsorgeangebot, damit nach der Reha keine Lücke entsteht.
- Sprich offen mit Familie oder engen Freunden über Risikosituationen, damit sie dich nach einem Rückfall unterstützen statt verurteilen können.
Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Kann ich eine Alkoholsucht allein zu Hause beenden?
Bei einer ausgeprägten körperlichen Abhängigkeit ist ein Entzug allein zu Hause riskant, weil dabei Kreislaufprobleme, Krampfanfälle oder ein Delir auftreten können. Ein ärztlich begleiteter Entzug senkt dieses Risiko erheblich und ist deshalb der sicherere Weg.
Was ist der Unterschied zwischen Entgiftung und qualifiziertem Entzug?
Die reine Entgiftung behandelt nur die körperlichen Entzugserscheinungen und ist nach wenigen Tagen abgeschlossen. Der qualifizierte Entzug ergänzt diese körperliche Behandlung um motivierende Gespräche und die Planung der weiteren Schritte, um dem sogenannten Drehtüreffekt aus schnellen Rückfällen vorzubeugen.
Wie finde ich eine Suchtberatungsstelle in meiner Nähe?
Eine Suchtberatungsstelle findest du über den Hausarzt, das Gesundheitsamt deiner Kommune oder direkt über kirchliche und kommunale Trägerorganisationen vor Ort. Die Beratung selbst ist in der Regel kostenlos und anonym.
Wer bezahlt den Alkoholentzug und die Reha?
Die körperliche Entzugsbehandlung übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung. Die anschließende Entwöhnungsbehandlung, also die Reha, zahlt in der Regel die Deutsche Rentenversicherung oder ersatzweise die Krankenkasse.
Gibt es Medikamente, die beim Aufhören helfen?
Ja, nach dem Entzug können Medikamente wie Acamprosat oder Naltrexon das Verlangen nach Alkohol dämpfen und das Rückfallrisiko senken. Sie ersetzen aber keine Beratung oder Therapie, wirken nur als Teil eines Gesamtplans und werden immer ärztlich verordnet.
Bedeutet ein Rückfall, dass die Therapie gescheitert ist?
Nein, ein Rückfall bedeutet nicht automatisch, dass die Therapie gescheitert ist. Viele Menschen erreichen dauerhafte Abstinenz erst nach mehreren Anläufen, entscheidend ist, nach einem Rückfall schnell wieder Kontakt zur Beratungsstelle aufzunehmen.
Muss das Ziel beim Aufhören immer vollständige Abstinenz sein?
Bei einer ausgeprägten körperlichen Abhängigkeit gilt vollständige Abstinenz als das sicherste Therapieziel, weil schon kleine Mengen Alkohol das Rückfallrisiko deutlich erhöhen. In frühen Stadien kann eine Beratungsstelle gemeinsam mit dir aber auch eine schrittweise Reduktion als ersten, realistischen Zwischenschritt vereinbaren.
Quellen
- Aufbau des Suchthilfesystems in Deutschland: Beratung, medizinische Behandlung, Entwöhnung und Selbsthilfe. dhs.de
- Wann professionelle Hilfe bei einem Alkoholproblem sinnvoll ist und welche Anlaufstellen es gibt. kenn-dein-limit.de
- Erfahrungsbericht zu einem unbegleiteten Entzug, wiederholten Rückfällen und langfristiger Abstinenz. gesundheitsinformation.de
- S3-Leitlinie: Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen (AWMF). register.awmf.org
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