Helfer in der Krise

Hilfe für Angehörige von Suchtkranken

Geprüft von der Redaktion

Hilfe für Angehörige von Suchtkranken
Bild: KI generiert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Angehörige können die Sucht eines anderen Menschen nicht beenden, aber sie können das eigene Verhalten, die eigenen Grenzen und den Umgang miteinander verändern.
  • Ein Gespräch über die Sucht gelingt eher zu einem ruhigen Zeitpunkt, mit konkreten Beobachtungen statt Vorwürfen und ohne die Person während des Konsums anzusprechen.
  • Die Sucht zu decken oder dem anderen die Konsequenzen abzunehmen, wirkt fürsorglich, verlängert aber häufig das Problem.
  • Kinder in suchtbelasteten Familien tragen ein deutlich höheres Risiko für eigene psychische Probleme und brauchen eigene Ansprechpartner, zum Beispiel über NACOA Deutschland.
  • Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen wie der Kreuzbund stehen Angehörigen offen, unabhängig davon, ob die suchtkranke Person selbst Hilfe annimmt.

Angehörige können die Sucht eines anderen nicht beenden, aber ihr eigenes Verhalten ändern

Wer mit einem suchtkranken Partner, Kind oder Elternteil lebt, kann dessen Konsum weder erzwingen noch verhindern. Was Angehörige tatsächlich beeinflussen können, ist die eigene Reaktion darauf: ob sie die Sucht decken oder offen ansprechen, ob sie Konsequenzen abnehmen oder aushalten, und ob sie sich selbst Unterstützung holen. Diese Verschiebung im Blick, weg vom Verhalten des Suchtkranken und hin zum eigenen Handlungsspielraum, ist nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) der wirksamste erste Schritt für Angehörige.

Das bedeutet nicht, dass Angehörige gleichgültig werden sollen. Sorge, Ärger und Erschöpfung gehören zu dieser Situation dazu und dürfen sein. Die DHS beschreibt das Leben mit einer suchtkranken Person als ständiges Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, das oft das ganze Familiensystem einschließlich der Geschwisterkinder belastet.

Vier Schritte helfen Angehörigen, wieder Handlungsspielraum zu gewinnen

Vier Schritte tauchen in der Beratungspraxis immer wieder auf: die Sucht als das erkennen, was sie ist, sie in einem ruhigen Moment offen ansprechen, eigene Grenzen setzen und einhalten, und sich selbst professionelle oder Selbsthilfe-Unterstützung holen. Die Reihenfolge ist keine Pflicht, aber ein roter Faden für alle, die nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

1Sucht wahrnehmen2Offen ansprechen3Grenzen setzen4Selbst Hilfe holen
Was Angehörige von Suchtkranken tun können. Bild: KI generiert.

Wie ein Gespräch über die Sucht ohne Vorwürfe gelingt

Ein Gespräch über die Sucht gelingt eher, wenn es zu einem nüchternen, ruhigen Zeitpunkt stattfindet und von konkreten Beobachtungen statt von Vorwürfen ausgeht. Ein Satz wie "Ich mache mir Sorgen, weil du in den letzten Wochen dreimal nicht zur Arbeit gegangen bist" trägt weiter als "Du trinkst viel zu viel". Die erste Formulierung beschreibt eine Tatsache und ein Gefühl, die zweite eine Bewertung, gegen die sich Menschen fast automatisch verteidigen.

Wichtig ist außerdem der Zeitpunkt: Ein Gespräch während oder kurz nach dem Konsum bringt in der Regel nichts, weil die Person dann weder aufnahmefähig noch wirklich ansprechbar ist. Besser ist ein ruhiger Moment, an dem beide Zeit haben und nicht gestört werden. Wer sich unsicher ist, wie ein solches Gespräch laufen könnte, kann es vorher in einer Suchtberatungsstelle durchsprechen, auch ohne dass die suchtkranke Person davon weiß.

Manches hilft weniger, als es sich im Moment richtig anfühlt

SituationHilft eherSchadet eher, auch wenn gut gemeint
Der Partner verpasst wegen des Konsums einen TerminIhn selbst die Konsequenzen tragen lassenFür ihn absagen und eine Ausrede erfinden
Eine Drohung soll den Konsum stoppenNur Konsequenzen ankündigen, die man auch wirklich umsetztMit Trennung oder Rauswurf drohen, ohne es zu meinen
Die suchtkranke Person hat finanzielle ProblemeÜber die eigene finanzielle Grenze sprechenWiederholt Schulden begleichen
Ein Streit eskaliert im berauschten ZustandDas Gespräch vertagen und Sicherheit vorziehenVersuchen, in diesem Zustand zu einer Einsicht zu überreden

Der gemeinsame Nenner der rechten Spalte: Sie nimmt der suchtkranken Person Verantwortung ab, die eigentlich bei ihr liegt. Das gilt auch für Drohungen, die man nicht einhält. Wer ständig ankündigt, ohne zu handeln, verliert Glaubwürdigkeit, und die suchtkranke Person lernt, dass die Ankündigung folgenlos bleibt.

Das CRAFT-Konzept: Angehörige als Brücke in die Behandlung

Lange galten für Angehörige nur zwei Wege: entweder die harte Konfrontation oder das Loslassen und Abgrenzen. Seit einigen Jahren gibt es einen dritten, gut untersuchten Weg, das Community Reinforcement and Family Training, kurz CRAFT. In Deutschland wird es seit 2012 verbreitet und richtet sich ausdrücklich an Angehörige von Menschen, die selbst noch nicht bereit sind, Hilfe anzunehmen.

Die Grundidee: Weil Angehörige die Person am besten kennen und im engsten Kontakt zu ihr stehen, können gerade sie eine Veränderung anstoßen. CRAFT trainiert dafür konkrete Fertigkeiten. Angehörige lernen, nüchterne und suchtfreie Momente zu bestärken statt zu übersehen, anders zu kommunizieren, gefährliche Situationen zu entschärfen und zugleich die eigene Lebensqualität wieder zu verbessern. Der Ansatz hat in Studien gezeigt, dass er die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die suchtkranke Person schließlich doch in eine Behandlung findet, und er tut den Angehörigen selbst gut. Angeboten wird CRAFT, meist über mehrere Einzelgespräche, von manchen Suchtberatungsstellen und Fachambulanzen. Ein Anruf dort klärt, ob es in der Nähe verfügbar ist.

Kinder in suchtbelasteten Familien brauchen eigenen Schutz

Kinder in suchtbelasteten Familien tragen laut NACOA Deutschland ein deutlich höheres Risiko für eigene psychische Probleme und spätere Suchterkrankungen als andere Kinder. Nach Angaben der Organisation leben in Deutschland derzeit etwa drei Millionen Kinder mit mindestens einem suchtbelasteten Elternteil, das ist etwa jedes fünfte bis sechste Kind, rund 2,65 Millionen davon mit einem alkoholkranken Elternteil.

Diese Kinder wachsen oft mit einer ungeschriebenen Familienregel auf: nicht über das zu sprechen, was zu Hause passiert. Genau diese Regel erschwert es ihnen später, selbst Hilfe zu suchen. NACOA bietet deshalb anonyme Online- und Telefonberatung eigens für Kinder, Jugendliche und erwachsene Kinder aus Suchtfamilien an, unabhängig davon, ob die Eltern selbst in Behandlung sind. Wer als Großelternteil, Lehrkraft oder anderer Erwachsener ein Kind in dieser Situation kennt, kann sich ebenfalls an NACOA wenden, um passende Unterstützung vor Ort zu finden.

Wenn die Sorge die eigene Gesundheit angreift

Angehörige sind nicht nur Zuschauer einer fremden Krankheit, sie werden selbst krank vor Sorge. Schätzungen zufolge haben in Deutschland rund acht Millionen Menschen einen eigenen Hilfebedarf, weil ein naher Mensch suchtkrank ist. Dauernde Anspannung, Schlafprobleme, Gereiztheit, Rückzug und eine erhöhte Anfälligkeit für Depressionen und Angst gehören zu den häufigen Folgen. Wer über Jahre in Habachtstellung lebt, verliert leicht den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.

Für dieses Muster gibt es einen eigenen Begriff, die Co-Abhängigkeit, der ursprünglich aus der Angehörigen-Selbsthilfe der 1950er Jahre stammt. Wichtig ist die Botschaft dahinter: Für dich selbst zu sorgen ist kein Egoismus und kein Verrat am kranken Menschen, sondern die Voraussetzung dafür, überhaupt tragfähig helfen zu können. Eine eigene Anlaufstelle sind die Al-Anon-Familiengruppen, eine weltweite Selbsthilfe ausschließlich für Angehörige von Alkoholkranken, mit rund 950 Gruppen in Deutschland. Dort und in den Angehörigengruppen des Kreuzbunds oder des Blauen Kreuzes erleben viele zum ersten Mal, dass ihre Erschöpfung und ihre Scham normal sind und geteilt werden.

Angebote für Angehörige stehen unabhängig von der suchtkranken Person offen

Angehörige können Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen immer dann aufsuchen, wenn sie selbst so weit sind, unabhängig davon, ob die suchtkranke Person Hilfe annimmt oder überhaupt davon weiß. Suchtberatungsstellen sind kostenlos, und die Gespräche sind vertraulich. Selbsthilfegruppen wie der Kreuzbund richten sich ausdrücklich auch an Angehörige: In rund 1.450 Gruppen bundesweit treffen sich wöchentlich etwa 26.000 Menschen, darunter viele, die selbst nicht suchtkrank sind, sondern unter der Sucht eines Partners oder Familienmitglieds leiden.

In der Gruppe zeigt sich oft zum ersten Mal, dass die eigene Erschöpfung, Scham oder Wut nicht ungewöhnlich ist, sondern von fast allen Anwesenden geteilt wird. Das allein nimmt vielen Angehörigen einen Teil des Drucks, den sie bis dahin allein getragen haben.

Die ersten Schritte für Angehörige

  1. Beobachtungen statt Vorwürfe sammeln: konkrete Situationen, in denen der Konsum Folgen hatte.
  2. Einen ruhigen, nüchternen Moment für ein erstes Gespräch suchen, notfalls mehrfach versuchen.
  3. Eine eigene Grenze festlegen, die man einhalten kann, zum Beispiel keine Schulden mehr zu übernehmen.
  4. Für Kinder in der Familie eine altersgerechte, ehrliche Erklärung suchen, etwa mit Unterstützung von NACOA.
  5. Selbst eine Suchtberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe kontaktieren, auch ohne die suchtkranke Person.

Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.

Häufige Fragen

Wie spreche ich meinen Partner auf seine Sucht an, ohne dass er sich angegriffen fühlt?

Ein Gespräch über die Sucht gelingt am ehesten mit konkreten Beobachtungen statt Bewertungen, zum Beispiel "Ich habe gesehen, dass du diese Woche schon dreimal morgens getrunken hast" statt "Du bist ein Alkoholiker". Wähle außerdem einen ruhigen, nüchternen Moment und sprich von deiner eigenen Sorge statt von einer Diagnose.

Was ist das CRAFT-Programm?

CRAFT steht für Community Reinforcement and Family Training. Es ist ein gut untersuchtes Programm für Angehörige von Menschen, die selbst noch keine Hilfe wollen. Angehörige lernen darin, suchtfreies Verhalten zu bestärken, anders zu kommunizieren und für sich selbst zu sorgen. Studien zeigen, dass das die Chance erhöht, dass die betroffene Person doch in Behandlung geht. Angeboten wird es von manchen Suchtberatungsstellen und Fachambulanzen.

Soll ich meinem suchtkranken Kind finanziell aushelfen?

Eine einzelne Notlage ist eine persönliche Entscheidung, aber wiederholte finanzielle Hilfe nimmt deinem Kind häufig die Konsequenzen ab, die es zum Umdenken bewegen könnten. Eine klare, ausgesprochene Grenze schützt euch beide besser als ständiges Nachgeben.

Wo finden Angehörige eine eigene Selbsthilfegruppe?

Eigene Gruppen nur für Angehörige bieten etwa die Al-Anon-Familiengruppen mit rund 950 Gruppen in Deutschland sowie die Angehörigengruppen von Kreuzbund und Blauem Kreuz. Die Teilnahme ist kostenlos, vertraulich und unabhängig davon, ob die suchtkranke Person selbst Hilfe annimmt.

Kann ich Hilfe bekommen, wenn die suchtkranke Person selbst keine Beratung will?

Ja, Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen für Angehörige stehen dir unabhängig davon offen, ob die suchtkranke Person Hilfe annimmt. Viele Angehörige gehen jahrelang zur Beratung oder Gruppe, bevor oder auch ohne dass sich am Verhalten des anderen etwas ändert.

Was mache ich, wenn eine Drohung wie eine Trennung nichts bewirkt?

Eine Drohung wirkt nur, wenn sie eine echte Konsequenz ankündigt, die du auch umsetzt. Kündige deshalb nur das an, was du wirklich bereit bist zu tun, und sprich stattdessen in einer Beratungsstelle darüber, welche Grenzen zu deiner Situation passen.

Quellen

  1. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Informationen für Angehörige und Mitbetroffene von Suchtkranken. dhs.de
  2. NACOA Deutschland: Zahlen und Fakten zu Kindern aus suchtbelasteten Familien. nacoa.de
  3. Kreuzbund e.V.: Selbsthilfe- und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige. kreuzbund.de
  4. Al-Anon Familiengruppen: Selbsthilfe für Angehörige und Freunde von Alkoholkranken. al-anon.de

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