Glücksspielsucht bewältigen
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Glücksspielsucht ist eine anerkannte Erkrankung und keine Frage von Willenskraft oder Charakter.
- Rund 2,2 Prozent der Erwachsenen in Deutschland erfüllen die Kriterien einer Glücksspielstörung, weitere 5,5 Prozent spielen riskant.
- Typische Anzeichen sind Kontrollverlust, das Hinterherjagen von Verlusten, Lügen über das Spielverhalten und wachsende Schulden.
- Geldspielautomaten und Online-Glücksspiel gelten wegen des schnellen Spielverlaufs als besonders risikoreich.
- Die bundesweite Spielersperre OASIS und kostenlose, anonyme Beratungsstellen helfen beim Ausstieg.
Glücksspielsucht als anerkannte Erkrankung
Glücksspielsucht ist eine eigenständige psychische Erkrankung, die im Fachjargon als Glücksspielstörung bezeichnet wird und ähnlich behandelt wird wie eine stoffgebundene Abhängigkeit. Betroffene verlieren die Kontrolle über ihr Spielverhalten, obwohl sie die negativen Folgen für Finanzen, Beruf und Familie kennen.
Die Erkrankung zählt zu den sogenannten Verhaltenssüchten, weil kein Suchtstoff im Spiel ist, sondern das Verhalten selbst süchtig macht. Auslösend ist meist der Nervenkitzel eines möglichen Gewinns bei ungewissem Ausgang, kombiniert mit der Erwartung, das eigene Glück beeinflussen zu können. Wer eine Weile spielt, ohne dass sich sein Alltag oder seine Finanzen verändern, hat kein Problem. Wer dagegen merkt, dass sich alles ums nächste Spiel dreht, sollte genauer hinschauen.
Die typischen Anzeichen einer Glücksspielsucht
Eine Glücksspielsucht zeigt sich vor allem an vier Verhaltensweisen: Kontrollverlust über Einsatz und Spieldauer, dem Hinterherjagen von Verlusten, Lügen gegenüber der Familie über das Ausmaß des Spielens und einer Verschuldung, die von außen lange unbemerkt bleibt.
Wer nach einem Verlust weiterspielt, um ihn noch am selben Abend wieder auszugleichen, hat den ersten Schritt in Richtung Sucht bereits gemacht. Genauso riskant ist das Gegenteil: Wer nach einem Gewinn nicht aufhören kann, weil gerade alles gut läuft, gerät in denselben Sog. Mit der Zeit reichen die bisherigen Einsätze nicht mehr, um den erhofften Kick auszulösen, und die Beträge steigen. Parallel dazu wächst der Aufwand, das Spielen zu verheimlichen: Kontoauszüge werden versteckt, Ausreden für fehlendes Geld erfunden, Verabredungen abgesagt. Am Ende stehen häufig Schulden, die weit über das hinausgehen, was Angehörige für möglich gehalten hätten, dazu Schlafmangel, Reizbarkeit und in manchen Fällen der Griff zu Alkohol oder Nikotin, um die Anspannung auszuhalten.
Die drei Phasen einer Glücksspielsucht
Eine Glücksspielsucht entsteht selten von heute auf morgen. Der Suchtforscher Robert Custer hat einen Verlauf in drei Phasen beschrieben, der sich bei vielen Betroffenen wiederfindet. Er hilft, den eigenen Stand einzuordnen, ersetzt aber keine fachliche Einschätzung.
| Phase | Was in ihr passiert |
|---|---|
| Gewinnphase | Das Spielen macht Freude, erste Gewinne stärken die Illusion, man könne das Glück beeinflussen. Der Einsatz wächst langsam. |
| Verlustphase | Verluste häufen sich, sie werden durch immer höhere Einsätze wieder hereingeholt. Das Spielen wird heimlich, erste Schulden entstehen, das Umfeld wird belogen. |
| Verzweiflungsphase | Die Kontrolle ist verloren, Spielen dient nur noch der Flucht vor Druck und Scham. Schulden, Beziehungskrisen und seelische Not spitzen sich zu. |
Das Tückische an diesem Verlauf ist der Übergang von der ersten zur zweiten Phase. Solange gelegentliche Gewinne die Verluste ausgleichen, wirkt alles harmlos. Erst wenn die Verluste überwiegen und das Zurückholen zum eigentlichen Motiv wird, kippt die Freizeitbeschäftigung in eine Krankheit. Wer sich in der Verlustphase wiedererkennt, sollte den Übergang in die Verzweiflungsphase nicht abwarten. Je früher Hilfe beginnt, desto weniger Schaden ist zu diesem Zeitpunkt bereits entstanden.
Warum Automaten und Online-Glücksspiel so riskant sind
Geldspielautomaten und Online-Glücksspiel bergen ein höheres Suchtrisiko als etwa eine Lotterie, weil zwischen Einsatz und Ergebnis nur Sekunden liegen. Diese kurze Taktung lässt kaum Zeit zum Nachdenken und verstärkt den Drang, sofort weiterzuspielen.
Bei einem Lottoschein vergehen Tage bis zur Ziehung, bei einem Automaten oder einer Online-Slot-Maschine folgt das nächste Spiel im Sekundentakt. Genau diese Geschwindigkeit macht Automatenspiele zur Spielform mit dem größten Anteil an Menschen mit einer behandlungsbedürftigen Glücksspielstörung. Online-Glücksspiel verschärft das Problem zusätzlich: Es ist rund um die Uhr verfügbar, erfordert keinen Weg in eine Spielhalle und lässt sich am Smartphone verbergen. Wer zu Hause allein spielt, hat zudem keine Servicekraft und keine Sitznachbarn, die eine Pause anregen könnten.
Hinzu kommen Gestaltungstricks, die den Weiterspieldrang befeuern. Ein Fastgewinn, bei dem nur ein Symbol zum Gewinn fehlt, fühlt sich fast wie ein Erfolg an, obwohl es ein Verlust ist. Gewinne werden mit Ton und Licht gefeiert, Verluste laufen still durch. Spielgeld statt Bargeld senkt die Hemmschwelle, weil der Verlust weniger real wirkt. Diese Mechanismen sind kein Zufall, sondern gezielt so gebaut, dass sie die Spielzeit verlängern.
Der Kreislauf der Glücksspielsucht
Der Kreislauf einer Glücksspielsucht beginnt mit Anspannung oder Frust, führt über das Spielen selbst zu einem kurzen Hochgefühl und endet in Verlust und Scham, die wiederum neue Anspannung erzeugen. Genau dieser Kreislauf hält die Sucht am Leben.
Der kurze Kick beim Spielen wirkt wie ein Ventil, doch er hält nicht lange an. Sobald die Ernüchterung einsetzt, ist die ursprüngliche Anspannung meist nicht verschwunden, sondern durch die Scham über den Verlust noch gewachsen. Genau dieses Gefühl treibt viele zurück an den Automaten oder zur nächsten Wette, weil das Spielen im Moment die einzige bekannte Möglichkeit ist, die innere Unruhe kurzfristig loszuwerden.
Warum Schulden ein zentrales Thema sind
Kaum eine andere Sucht ist so eng mit Geld verbunden wie die Glücksspielsucht. Von den Menschen, die in ambulanten Beratungsstellen wegen pathologischen Spielens betreut werden, ist nur etwa jeder Vierte schuldenfrei. Für die große Mehrheit gehören Schulden also zum Krankheitsbild dazu, oft in einer Höhe, die Angehörige erst erfahren, wenn nichts mehr zu verbergen ist.
Die Schulden sind dabei nicht nur eine Folge, sie treiben die Sucht auch weiter an. Wer tief im Minus steht, sieht im nächsten großen Gewinn manchmal den einzigen Ausweg, was direkt in den nächsten Verlust führt. Deshalb gehört zur Behandlung fast immer eine getrennte, aber gleichzeitige Bearbeitung der Finanzen. Eine anerkannte Schuldnerberatung, die es kostenlos gibt, verschafft einen Überblick, verhandelt mit Gläubigern und plant einen realistischen Weg aus den Schulden. Ein bewährter erster Schritt ist außerdem, die Kontrolle über das eigene Geld für eine Weile an eine Vertrauensperson abzugeben, damit im akuten Verlangen kein Geld für Einsätze greifbar ist.
Was die Spielersperre OASIS bewirkt
OASIS ist ein bundesweites Sperrsystem, das Menschen von allen legalen Glücksspielangeboten in Deutschland ausschließt, sobald ihr Name dort eingetragen ist. Spielbanken, Spielhallen, Sportwettbüros, Lotterien und Online-Anbieter müssen vor jeder Anmeldung und jeder Einzahlung prüfen, ob eine Sperre vorliegt.
Die Sperre lässt sich selbst beantragen, beim Regierungspräsidium Darmstadt, direkt bei einem Anbieter oder online. Auch Angehörige können eine Fremdsperre veranlassen, wenn sie eine Glücksspielsucht oder eine dadurch entstandene Überschuldung nachweisen. Für akute Situationen beim Online-Glücksspiel gibt es zusätzlich einen Notfallbutton, der sofort greift, aber nach 24 Stunden automatisch wieder endet. Die folgende Übersicht zeigt die vier Sperrarten im Vergleich.
| Sperrart | Wer beantragt sie | Mindestdauer | Gilt für |
|---|---|---|---|
| Selbstsperre | Die betroffene Person selbst | 3 Monate | Spielbanken, Spielhallen, Sportwetten, Lotterien, Online-Glücksspiel |
| Fremdsperre durch Angehörige | Angehörige mit Nachweis von Spielsucht oder Überschuldung | 3 Monate | dieselben Anbieter |
| Fremdsperre durch den Anbieter | Der Glücksspielanbieter, bei auffälligem Verhalten | 3 Monate | der jeweilige Anbieter, Meldung an OASIS |
| Notfallsperre online | Die betroffene Person selbst, per Notfallbutton | 24 Stunden | Online-Anbieter |
Eine Sperre ist kein Wundermittel, aber sie schafft im entscheidenden Moment eine Hürde, die den spontanen Griff zum Spiel unterbricht. Sie wirkt am besten in Kombination mit Beratung und Behandlung, weil sie nur den Zugang erschwert, nicht das Verlangen löst. Wichtig zu wissen: Die Zahl der Sperranträge steigt seit Jahren deutlich, was zeigt, dass immer mehr Menschen dieses Mittel bewusst für sich nutzen.
Wer besonders gefährdet ist
Am häufigsten betroffen sind Männer: Sie stellen laut Fachverbänden rund 80 Prozent aller Menschen mit einer Glücksspielstörung. Frauen beginnen im Schnitt später mit dem Spielen, rutschen dafür aber schneller in eine Abhängigkeit als Männer.
Neben dem Geschlecht spielt das Alter eine Rolle: Jugendliche und junge Erwachsene, die früh mit Automaten oder Sportwetten in Kontakt kommen, entwickeln überdurchschnittlich oft ein problematisches Spielverhalten. Auch ein geringes Einkommen erhöht das Risiko, weil die Hoffnung auf einen großen Gewinn dort besonders verlockend wirkt. Und wer selbst einen glücksspielsüchtigen Elternteil oder Partner hat, trägt ein höheres Risiko, ebenfalls ein problematisches Spielverhalten zu entwickeln, sei es durch familiäre Veranlagung, sei es durch die alltägliche Nähe zum Thema.
Wie eine Behandlung abläuft
Eine Behandlung der Glücksspielsucht beginnt meist mit einem Beratungsgespräch bei einer Suchtberatungsstelle und kann je nach Schwere ambulant oder stationär fortgesetzt werden. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten, wenn eine Glücksspielstörung diagnostiziert wurde.
Im Zentrum der Behandlung steht in der Regel eine Verhaltenstherapie, die den Kreislauf aus Anspannung, Spielen und Scham durchbricht und alternative Wege im Umgang mit Stress vermittelt. Bei einer ambulanten Reha bleiben Betroffene in ihrem gewohnten Umfeld und besuchen die Klinik oder Praxis regelmäßig, bei einer stationären Reha ziehen sie für mehrere Wochen in eine Fachklinik um, was vor allem bei starker Verschuldung oder häufigen Rückfällen sinnvoll sein kann. Begleitend helfen Selbsthilfegruppen, in denen Betroffene sich untereinander austauschen, ohne sich erklären zu müssen.
Was Angehörige tun können
Angehörige leiden bei einer Glücksspielsucht oft stark mit, durch Geldsorgen, gebrochene Zusagen und das Gefühl, machtlos zuzusehen. Der wichtigste Grundsatz lautet: keine Schulden übernehmen und keine Einsätze finanzieren, so schwer das fällt. Wer die Verluste ausgleicht, hält den Kreislauf am Leben, statt ihn zu durchbrechen.
Hilfreich ist stattdessen, das Thema ruhig und ohne Vorwürfe anzusprechen, die eigene Sorge zu benennen und auf Hilfsangebote hinzuweisen. Angehörige dürfen und sollten sich zudem eigene Unterstützung holen. Viele Suchtberatungsstellen und der Fachverband Glücksspielsucht bieten eigene Beratung und Gruppen für Angehörige an. Das schützt vor der Erschöpfung, in die man leicht gerät, wenn man das Problem allein tragen will, und es hilft, die eigenen finanziellen Interessen zu wahren.
Die ersten Schritte aus der Glücksspielsucht
- Sprich mit einer Person deines Vertrauens oder ruf direkt bei einer Suchtberatungsstelle in deiner Nähe an.
- Beantrage eine Selbstsperre über OASIS, damit dir der Zugang zu Automaten, Wettbüros und Online-Anbietern erschwert wird.
- Gib die Kontrolle über dein Geld für eine Weile an eine Vertrauensperson ab oder richte feste Limits auf deinem Konto ein.
- Verschaff dir einen ehrlichen Überblick über deine Schulden und hol dir bei Bedarf Unterstützung von einer Schuldnerberatung.
- Vereinbare einen Termin für eine ambulante oder stationäre Behandlung, wenn das Spielen sich allein nicht mehr stoppen lässt.
Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Ist Glücksspielsucht wirklich eine Krankheit oder einfach mangelnde Selbstdisziplin?
Glücksspielsucht ist eine anerkannte Erkrankung und keine Frage von Willenskraft. Sie verändert nachweislich das Belohnungssystem im Gehirn, weshalb Betroffene ihr Verhalten nicht allein durch guten Willen ändern können und professionelle Hilfe brauchen.
Was ist die Spielersperre OASIS und wie beantrage ich sie?
OASIS ist die bundesweite Sperrdatei, die Menschen von Spielbanken, Spielhallen, Sportwetten, Lotterien und Online-Glücksspiel ausschließt. Beantragen lässt sie sich beim Regierungspräsidium Darmstadt, direkt bei einem Glücksspielanbieter oder online über dessen Website.
Welche Phasen durchläuft eine Glücksspielsucht?
Eine Glücksspielsucht verläuft nach einem klassischen Modell in drei Phasen: In der Gewinnphase macht das Spielen Freude und erste Gewinne nähren die Illusion von Kontrolle. In der Verlustphase häufen sich Verluste, es entstehen erste Schulden, und das Spielen wird verheimlicht. In der Verzweiflungsphase ist die Kontrolle verloren, und Schulden sowie seelische Not spitzen sich zu. Je früher Hilfe beginnt, desto weniger Schaden ist entstanden.
Können Angehörige eine Spielersperre für eine spielsüchtige Person beantragen?
Ja, Angehörige können eine sogenannte Fremdsperre veranlassen, wenn sie die Glücksspielsucht oder eine dadurch entstandene Überschuldung der betroffenen Person nachweisen können. Die Sperre gilt dann für dieselben Anbieter wie eine Selbstsperre.
Was kostet eine Suchtberatung bei Glücksspielsucht?
Die Beratung in einer Suchtberatungsstelle ist in Deutschland grundsätzlich kostenlos und anonym möglich. Eine anschließende ambulante oder stationäre Behandlung übernehmen die Krankenkassen, sobald eine Glücksspielstörung diagnostiziert wurde.
Sollte ich als Angehöriger die Spielschulden übernehmen?
Nein, als Angehöriger solltest du die Spielschulden nicht übernehmen und keine Einsätze finanzieren, auch wenn das schwerfällt. Wer die Verluste ausgleicht, hält den Kreislauf der Sucht am Leben. Hilfreicher ist, das Thema ohne Vorwürfe anzusprechen, auf Hilfsangebote hinzuweisen und sich selbst Unterstützung zu holen, etwa in einer Angehörigengruppe.
Woran erkenne ich, dass ein Familienmitglied glücksspielsüchtig sein könnte?
Auffällig sind plötzliche Geldsorgen ohne erkennbaren Grund, Ausreden für fehlende Zeit oder fehlendes Geld, Gereiztheit bei Nachfragen zum Spielverhalten und ein wachsendes Desinteresse an Familie, Freunden oder Hobbys. Ein offenes Gespräch ist meist der erste sinnvolle Schritt.
Quellen
- Informationen zur bundesweiten Spielersperre OASIS, Voraussetzungen und Beantragung. check-dein-spiel.de
- Fachinformationen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zu Glücksspiel und Glücksspielsucht. dhs.de
- Ärztlicher Ratgeber zu Verhaltenssüchten, Anzeichen und professioneller Hilfe. neurologen-und-psychiater-im-netz.org
- Fachverband Glücksspielsucht und SLS e.V.: Fachinformationen zum pathologischen Glücksspielen. slsev.de
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