Einen Rückfall verstehen und vermeiden
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Rückfall ist bei chronischen Erkrankungen wie einer Sucht häufig und bedeutet nicht, dass die bisherige Behandlung gescheitert ist.
- Die meisten Rückfälle beginnen nicht im Moment des Konsums, sondern schon Tage vorher mit inneren oder äußeren Auslösern.
- Typische Auslöser sind starke Gefühle wie Stress, Einsamkeit oder Ärger, außerdem Orte, Menschen oder Situationen aus der Zeit des Konsums.
- Ein schriftlicher Notfallplan mit Ansprechpartnern und festgelegten Schritten hilft, im sogenannten Rückfallschock schnell zu handeln statt zu erstarren.
- Nach einem Rückfall zählt vor allem, ihn schnell zu beenden und wieder Kontakt zu Hilfe aufzunehmen, statt sich aus Scham zurückzuziehen.
Bedeutet ein Rückfall, dass die bisherige Behandlung gescheitert ist?
Nein, ein Rückfall bedeutet bei einer Sucht nicht, dass die bisherige Behandlung gescheitert ist, sondern gehört bei einer chronischen Erkrankung zum möglichen Verlauf dazu. Das Suchtgedächtnis im Gehirn bleibt auch nach langer Abstinenz bestehen und kann durch bestimmte Situationen wieder aktiviert werden, unabhängig davon, wie viel jemand in der Zwischenzeit erreicht hat.
In der modernen Suchthilfe gilt ein Rückfall deshalb als Anlass, die Unterstützung für die betroffene Person zu verstärken, statt ihn als persönliches Versagen zu behandeln oder eine begonnene Therapie deswegen abzubrechen. Diese Sichtweise nimmt Druck aus der Situation und macht es leichter, nach einem Rückfall wieder Hilfe zu suchen, statt sich aus Scham zurückzuziehen.
Das heißt nicht, dass ein Rückfall bedeutungslos ist. Er zeigt, dass an einer bestimmten Stelle im Alltag noch keine tragfähige Strategie vorhanden war, und genau das lässt sich für die Zeit danach gezielt nachbessern.
Der Unterschied zwischen einem Ausrutscher und einem Rückfall
Fachleute unterscheiden zwischen einem kurzen Ausrutscher und einem längeren Rückfall. Der Suchtforscher Alan Marlatt hat dafür die Begriffe Lapse und Relapse geprägt. Ein Lapse ist ein einmaliger, kurzer Konsum, der sich oft schnell wieder stoppen lässt. Ein Relapse ist die Rückkehr in das alte Konsummuster über längere Zeit, meist mit den bekannten negativen Folgen. Der entscheidende Punkt: Ein Ausrutscher wird nicht zwangsläufig zum vollen Rückfall. Zwischen beidem liegt eine Weggabelung.
Was an dieser Weggabelung passiert, entscheidet oft ein Gedanke, den die Forschung Abstinenzverletzungseffekt nennt. Nach dem ersten Konsum denken viele: Jetzt ist ohnehin alles verloren, jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an. Dieser Gedanke ist der eigentliche Motor, der aus einem einmaligen Ausrutscher einen vollen Rückfall macht. Wer stattdessen den Ausrutscher als Ausrutscher behandelt, ihn sofort beendet und Hilfe holt, kann die Abstinenz oft binnen kurzer Zeit wieder aufnehmen. Diese Unterscheidung ist keine Verharmlosung, sondern nimmt genau jenem Alles-egal-Denken die Macht, das den Schaden erst groß macht.
Welche Auslöser einem Rückfall meistens vorausgehen
Einem Rückfall gehen meistens innere Auslöser wie starke Gefühle oder äußere Auslöser wie bestimmte Orte, Menschen und Situationen voraus, die mit dem früheren Konsum verknüpft sind. Beide Arten von Auslösern lösen ein plötzliches Verlangen aus, das sich oft stärker anfühlt, als die betroffene Person es erwartet hätte.
Zu den häufigsten inneren Auslösern zählen Stress, Einsamkeit, Ärger, Enttäuschung oder eine gedrückte Stimmung. Zu den äußeren Auslösern gehören der Kontakt zu Personen, mit denen früher gemeinsam konsumiert wurde, die Rückkehr an einen Ort mit vielen Erinnerungen oder auch scheinbar harmlose Reize wie ein alkoholfreies Bier, das dieselben Erinnerungen weckt wie das Original. Marlatt nennt solche Momente Hochrisikosituationen. Nach seinem Modell sind unbewältigte Gefühle und sozialer Druck zum Mitmachen die beiden häufigsten davon.
Besonders tückisch ist der Gedanke, ein einzelner kontrollierter Konsum sei ungefährlich. Genau dieser Gedanke steht am Anfang vieler Rückfälle, weil er die eigentliche Abstinenzentscheidung im Kopf bereits aufweicht, lange bevor tatsächlich wieder konsumiert wird.
Woran sich ein bevorstehender Rückfall frühzeitig erkennen lässt
Ein bevorstehender Rückfall lässt sich häufig schon Tage oder Wochen vorher an typischen Frühwarnzeichen erkennen, etwa an wachsender Gereiztheit, verstärktem Gedankenkreisen um die Substanz, sozialem Rückzug oder daran, dass Termine bei der Beratung oder Selbsthilfegruppe plötzlich ausfallen. Diese Zeichen sind individuell verschieden, wiederholen sich bei derselben Person aber oft in ähnlicher Form.
Deshalb ist es hilfreich, die eigenen Frühwarnzeichen aus früheren kritischen Phasen aufzuschreiben, solange es einem gut geht, und sie regelmäßig mit dem aktuellen Befinden abzugleichen. Wer merkt, dass mehrere dieser Zeichen gleichzeitig auftreten, hat noch Zeit zu handeln, bevor daraus tatsächlich ein Konsum wird.
Manchmal beginnt der Weg zum Rückfall unauffällig, mit scheinbar vernünftigen kleinen Entscheidungen, die zusammengenommen geradewegs in eine Hochrisikosituation führen. Wer eine Einladung annimmt, bei der bestimmt konsumiert wird, wer den alten Weg statt des sicheren Umwegs nimmt, wer eine Beratungsstunde absagt, weil gerade zu viel los ist, der stellt oft ohne es zu merken die Weichen. Solche Entscheidungen früh als das zu erkennen, was sie sind, gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten in der Rückfallvorbeugung.
Was in einen persönlichen Notfallplan für kritische Situationen gehört
In einen persönlichen Notfallplan gehören mindestens drei Bausteine: ein klar benannter Ansprechpartner, eine festgelegte Reihenfolge von Schritten für den Ernstfall und Sätze oder Erinnerungen, die die eigene Abstinenzzuversicht stärken. Der Plan wird geschrieben, solange es einem gut geht, und ist deshalb im entscheidenden Moment sofort griffbereit, auch wenn der sogenannte Rückfallschock klares Denken erschwert.
| Baustein | Frage, die er beantwortet |
|---|---|
| Ansprechpartner | Wen rufe ich zuerst an, wenn eine kritische Situation entsteht? |
| Schrittfolge | Was tue ich als Erstes, was danach, wenn ich merke, dass es kritisch wird? |
| Sichere Orte | Wohin kann ich gehen, um der auslösenden Situation zu entkommen? |
| Abstinenzzuversicht | Welcher Satz oder welche Erinnerung zeigt mir, dass ich es schaffen kann? |
| Nach einem Rückfall | Wen informiere ich, und wie steige ich schnell wieder ein? |
Ein guter Plan ist kurz genug, um ihn im Ernstfall wirklich zu benutzen. Manche tragen ihn als Notiz auf dem Handy oder als Karte im Portemonnaie bei sich. Wichtig ist, ihn mit den Menschen zu teilen, die darin vorkommen, damit im Notfall niemand überrascht ist. Ein Plan, von dem nur die betroffene Person weiß, verliert die Hälfte seiner Wirkung.
Wie sich das Rückfallrisiko dauerhaft senken lässt
Das Rückfallrisiko sinkt vor allem dann, wenn Betroffene für ihre persönlichen Hochrisikosituationen einen anderen Ausweg als den Konsum zur Verfügung haben. Jedes Mal, wenn eine kritische Situation ohne Konsum bewältigt wird, wächst das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, es auch beim nächsten Mal zu schaffen. Fachleute nennen dieses Vertrauen Selbstwirksamkeit, und es ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen einen Rückfall.
In der Behandlung wird das gezielt geübt. Die Rückfallprävention arbeitet die persönlichen Auslöser heraus und trainiert konkrete Bewältigungsfertigkeiten, etwa wie man ein Verlangen aushält, bis es von selbst wieder abebbt, wie man ein Angebot ablehnt oder wie man belastende Gefühle regelt, ohne zur Substanz zu greifen. Ein neuerer Ansatz ist die achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention, die diese Fertigkeiten mit Übungen zur Achtsamkeit verbindet. Ihr Grundgedanke: Ein Verlangen ist eine Welle, die kommt und wieder geht. Wer lernt, sie zu beobachten, statt sofort auf sie zu reagieren, muss ihr nicht mehr nachgeben. Auch eine feste Tagesstruktur, tragfähige Beziehungen und der regelmäßige Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe zahlen auf dasselbe Konto ein.
Wie man nach einem Rückfall wieder aufsteht
Nach einem Rückfall steht man wieder auf, indem man den Konsum so schnell wie möglich beendet und noch am selben Tag Kontakt zu einer helfenden Person aufnimmt, statt den Rückfall erst zu verheimlichen. Betroffene, die ihren Weg zurück in die Abstinenz später beschreiben, berichten fast immer, dass genau dieser schnelle, offene Schritt den Unterschied gemacht hat.
Ein Erfahrungsbericht auf einem Gesundheitsportal schildert, wie ein vermeintlich harmloses alkoholfreies Bier zurück zum normalen Konsum führte, verstärkt durch die Rückkehr in ein Umfeld, in dem fast alle tranken. Erst eine Kombination aus fachlicher Behandlung und der Aufarbeitung der eigentlichen Ursachen, in diesem Fall belastender Erfahrungen aus der Kindheit, führte zu dauerhafter Stabilität.
Diese Erfahrung zeigt zwei Dinge: Ein Rückfall hat fast immer einen konkreten Anlass, der sich im Nachhinein benennen lässt, und der Weg zurück gelingt eher mit Unterstützung als im Alleingang. Wer nach einem Rückfall wieder Kontakt zu Beratung, Klinik oder Selbsthilfegruppe aufnimmt, kehrt in aller Regel schneller in eine stabile Phase zurück als jemand, der die Situation für sich behält.
Die ersten Schritte direkt nach einem Rückfall
- Bring dich aus der akuten Situation heraus, etwa indem du den Ort verlässt oder das Konsumieren sofort beendest.
- Ruf die Person an, die in deinem Notfallplan steht, oder eine dir vertraute Person, wenn du noch keinen Plan hast.
- Vermeide es, den Rückfall vor dir selbst oder anderen zu beschönigen oder zu verheimlichen.
- Nimm innerhalb der nächsten Tage Kontakt zu deiner Beratungsstelle, Klinik oder Selbsthilfegruppe auf.
- Sprich mit einer Fachperson darüber, welcher Auslöser diesmal dazu geführt hat, damit du deinen Notfallplan für die Zukunft anpassen kannst.
Wenn dich die Sucht überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, die Sucht- und Drogen-Hotline unter 01806 313031, im Notfall die 112.
Häufige Fragen
Ist ein einzelner Ausrutscher dasselbe wie ein vollständiger Rückfall?
Ein einzelner Ausrutscher, also ein kurzer, einmaliger Konsum, ist nicht automatisch dasselbe wie ein vollständiger Rückfall in das frühere Konsummuster. Entscheidend ist, wie schnell die betroffene Person danach wieder zur Abstinenz zurückfindet und ob sie sich Unterstützung holt.
Was ist der Abstinenzverletzungseffekt?
Der Abstinenzverletzungseffekt ist der Gedanke nach einem ersten Konsum, jetzt sei ohnehin alles verloren und es komme nicht mehr darauf an. Genau dieses Alles-egal-Denken macht aus einem kurzen Ausrutscher oft einen vollen Rückfall. Wer den Ausrutscher stattdessen als Ausrutscher behandelt, ihn sofort beendet und Hilfe holt, kann die Abstinenz meist schnell wieder aufnehmen.
Warum lösen scheinbar harmlose Dinge wie alkoholfreies Bier manchmal einen Rückfall aus?
Scheinbar harmlose Dinge wie alkoholfreies Bier können einen Rückfall auslösen, weil Geschmack, Geruch und die dazugehörige Situation dieselben Erinnerungen im Suchtgedächtnis wecken wie das ursprüngliche Suchtmittel, auch wenn der Inhaltsstoff selbst unbedenklich ist.
Sollte ich einen Rückfall vor meiner Beratungsstelle oder Ärztin verheimlichen, weil ich mich schäme?
Nein, einen Rückfall vor der Beratungsstelle oder der behandelnden Ärztin zu verheimlichen, verzögert nur die Rückkehr in eine stabile Phase. Fachleute in der Suchthilfe sind auf Rückfälle vorbereitet und reagieren mit mehr Unterstützung, nicht mit Vorwürfen.
Was ist achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention?
Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention verbindet die klassische Rückfallvorbeugung mit Übungen zur Achtsamkeit. Ihr Grundgedanke ist, ein Verlangen als vorübergehende Welle zu beobachten, statt sofort auf sie zu reagieren. Betroffene lernen so, den Drang zum Konsum auszuhalten, bis er von selbst wieder nachlässt, und müssen ihm nicht mehr nachgeben.
Wie oft erleben Menschen mit einer Suchterkrankung im Schnitt einen Rückfall?
Wie oft jemand mit einer Suchterkrankung einen Rückfall erlebt, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich und hängt von der Substanz, der Behandlung und dem persönlichen Umfeld ab. Fachleute gehen davon aus, dass Rückfälle bei chronischen Suchterkrankungen insgesamt häufig vorkommen, ohne dass sich daraus eine feste Zahl für den Einzelfall ableiten lässt.
Kann ein Notfallplan auch Angehörigen helfen, richtig zu reagieren?
Ja, ein Notfallplan kann auch Angehörigen helfen, in einer kritischen Situation richtig zu reagieren, wenn die betroffene Person ihnen vorab mitteilt, wer im Ernstfall informiert werden soll und welche Schritte dann folgen.
Quellen
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Faltblatt zu kritischen Situationen und Rückfall, entwickelt gemeinsam mit Betroffenen. dhs.de
- Gesundheitsinformation.de: Erfahrungsbericht über einen Rückfall nach Jahren der Abstinenz und den Weg zurück. gesundheitsinformation.de
- Salus Kliniken: Aufbau eines Notfallplans zur Überwindung von Rückfällen in der Suchtbehandlung. salus-kliniken.de
- Praxis Suchtmedizin Schweiz: Rückfall und Vorfall, Unterscheidung und Umgang. praxis-suchtmedizin.ch
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