Eine Krankheit als Lebenskrise bewältigen
Geprüft von der Redaktion

Das Wichtigste in Kürze
- Eine schwere oder chronische Krankheit ist eine Lebenskrise, die Körper, Seele, Alltag und Beziehungen zugleich trifft.
- Nach einer Diagnose muss niemand sofort alles entscheiden. Es ist klug, sich in Ruhe zu informieren und Fragen zu stellen.
- Die seelischen Folgen einer Krankheit sind ernst zu nehmen, und dafür Hilfe zu holen ist kein Luxus.
- Als Patient hat man Rechte: auf verständliche Aufklärung, auf eine Zweitmeinung und auf Selbstbestimmung.
- Für Kranke und Angehörige gibt es Beratung, Selbsthilfe und, wo nötig, eine würdevolle Versorgung am Lebensende.
Wenn eine Krankheit das Leben erschüttert
Eine ernste Krankheit ist mehr als eine körperliche Diagnose. Sie kann von einem Tag auf den anderen das ganze Leben ins Wanken bringen, die Zukunftsplanung durchkreuzen, die Seele belasten und die Rollen in Familie und Beruf verändern. Deshalb ist eine Krankheit oft eine echte Lebenskrise, die auf mehreren Ebenen zugleich bewältigt werden will. Diese Seite gibt einen Überblick über diese Ebenen, von der ersten Zeit nach der Diagnose über die seelische Seite und die eigenen Rechte bis zu den Anlaufstellen für Kranke und ihre Angehörigen.
Die erste Zeit nach einer Diagnose
In den ersten Tagen nach einer schweren Diagnose stehen viele Menschen unter Schock und können kaum klar denken. Das ist eine normale Reaktion, kein Grund zur Sorge, und es ist wichtig zu wissen, dass fast nie sofort entschieden werden muss. Es hilft, zu weiteren Arztgesprächen einen vertrauten Menschen mitzunehmen, sich die wichtigsten Fragen vorher aufzuschreiben und sich verlässlich zu informieren, statt in der Angst zu versinken. Wer die erste Welle überstanden hat, gewinnt Schritt für Schritt seine Handlungsfähigkeit zurück.
Die verschiedenen Seiten einer Krankheitskrise
Eine Krankheitskrise hat mehrere Seiten, die alle Beachtung brauchen. Die folgende Übersicht ordnet sie ein. Jede davon ist auf dieser Seite in einem eigenen Ratgeber vertieft.
| Seite | Worum es geht |
|---|---|
| Seelisch | Der Schock der Diagnose, die Verarbeitung und die seelischen Folgen einer Krankheit. |
| Körperlich | Das Leben mit einer chronischen Krankheit und mit chronischen Schmerzen. |
| Sozial und beruflich | Krankheit und Beruf, der Schwerbehindertenausweis und die medizinische Reha. |
| Rechtlich | Patientenrechte, die ärztliche Zweitmeinung und die Patientenverfügung. |
| Am Lebensende | Palliativversorgung, Hospiz und die Begleitung schwer kranker Angehöriger. |
Die seelische Seite ernst nehmen
Eine körperliche Krankheit belastet fast immer auch die Seele. Angst vor der Zukunft, Trauer über verlorene Möglichkeiten und phasenweise Niedergeschlagenheit gehören dazu und sind keine Schwäche. Wichtig ist, Warnzeichen einer ernsteren seelischen Erkrankung nicht zu übersehen, etwa eine anhaltende Hoffnungslosigkeit oder den Verlust jeder Freude. Für die seelische Seite gibt es eigene Hilfen, von der Psychoonkologie in der Krebsbehandlung über Psychotherapie bis zu Selbsthilfegruppen. Sich diese Unterstützung zu holen ist ein Zeichen von Stärke und gehört zu einer guten Behandlung dazu.
Was Psychoonkologie und psychosoziale Begleitung leisten
Für die seelische Not, die eine Krankheit mit sich bringt, gibt es eigene Fachleute. In der Krebsbehandlung heißt dieses Angebot Psychoonkologie. Speziell geschulte Psychologinnen, Ärzte oder Sozialarbeiter begleiten Betroffene und ihre Angehörigen durch die Diagnose, die Behandlung und die Zeit danach. Sie helfen, mit Angst und Erschöpfung umzugehen, Entscheidungen zu ordnen und wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Das ist keine Behandlung für seelisch Kranke, sondern eine normale Begleitung für Menschen in einer außergewöhnlichen Lage.
Zugang gibt es an mehreren Stellen. Zertifizierte Krebszentren und viele Kliniken haben einen psychoonkologischen Dienst im Haus, ambulant vermitteln der Krebsinformationsdienst und die Krebsberatungsstellen der Länder. Der große Vorteil: Diese Beratung ist für Betroffene meist kostenlos und setzt keine psychiatrische Diagnose voraus. Auch bei anderen schweren Erkrankungen leisten psychosoziale Beratungsstellen Vergleichbares. Wer merkt, dass die Gedanken kreisen und der Schlaf wegbleibt, muss nicht warten, bis nichts mehr geht.
Selbstbestimmt bleiben
Auch als kranker Mensch bleibt man der Entscheider über den eigenen Körper und die eigene Behandlung. Das Patientenrechtegesetz sichert das Recht auf eine verständliche Aufklärung, auf Einsicht in die eigene Akte und auf die freie Entscheidung über jede Behandlung. Bei planbaren Eingriffen und schweren Diagnosen besteht ein Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung, die das Vertrauen zum behandelnden Arzt nicht verletzt. Und mit einer Patientenverfügung und einer Vorsorgevollmacht legt man vorab fest, was gelten soll, wenn man selbst nicht mehr entscheiden kann. Wer seine Rechte kennt, ist der Krankheit weniger ausgeliefert.
Das Recht auf eine zweite Meinung ist konkreter, als viele denken. Seit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz von 2015 gibt es nach Paragraf 27b SGB V einen gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige ärztliche Zweitmeinung vor bestimmten planbaren Operationen. Welche Eingriffe darunterfallen, legt der Gemeinsame Bundesausschuss in seiner Zweitmeinungsrichtlinie fest, und die Liste wächst weiter. Dazu gehören unter anderem die Mandeloperation, die Entfernung der Gebärmutter, planbare Eingriffe an Knie und Schulter, an der Wirbelsäule sowie bestimmte Eingriffe am Herzen. Die Kasse trägt die Kosten der Zweitmeinung, und der behandelnde Arzt muss rechtzeitig auf dieses Recht hinweisen und Befunde herausgeben. Eine Praxis für die Zweitmeinung findet man über den Patientenservice unter 116117.de.
Wo Kranke und Angehörige Hilfe finden
Niemand muss eine Krankheitskrise allein bewältigen. Verlässliche und unabhängige Auskunft geben die Unabhängige Patientenberatung und krankheitsspezifische Informationsdienste wie der Krebsinformationsdienst. Sozialdienste in Kliniken helfen bei Anträgen zu Reha, Schwerbehinderung und Absicherung. Selbsthilfegruppen bieten den Austausch mit Menschen, die Ähnliches erleben. Und auch die Angehörigen, die oft still mittragen, finden eigene Beratung und Entlastung. Früh nach Hilfe zu fragen erspart viel Kraft, die man für die Genesung besser gebrauchen kann.
Verlässliche Information erkennen
Gerade bei einer schweren Diagnose kursieren viele Halbwahrheiten und Heilsversprechen, im Internet wie im Bekanntenkreis. Verlässliche Gesundheitsinformation erkennt man daran, dass sie ihre Quellen nennt, den Stand der Forschung wiedergibt, Nutzen und Risiken einer Behandlung offen benennt und nichts verkaufen will. Seriöse Anlaufstellen sind das Portal gesundheitsinformation.de des IQWiG, die Patienten-Information von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, die Unabhängige Patientenberatung und krankheitsspezifische Dienste wie der Krebsinformationsdienst. Wer ein teures Wundermittel angepriesen bekommt, während die etablierte Medizin schlechtgemacht wird, sollte misstrauisch werden. Eine gute Information nimmt einem die Entscheidung nicht ab, sondern macht sie möglich.
Die finanzielle Seite im Blick behalten
Eine längere Krankheit hat oft auch finanzielle Folgen, die sich aber abfedern lassen. Nach sechs Wochen Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber zahlt die Krankenkasse Krankengeld. Es beträgt rund 70 Prozent des Bruttoverdienstes, höchstens aber 90 Prozent des Nettos, und ist 2026 auf einen Höchstsatz von 135,63 Euro pro Tag gedeckelt. Gezahlt wird wegen derselben Krankheit für längstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren, wobei die sechs Wochen Lohnfortzahlung mitzählen, sodass die Kasse effektiv bis zu 72 Wochen leistet.
Auch bei den Zuzahlungen gibt es eine Grenze. Niemand muss mehr als 2 Prozent seiner jährlichen Bruttoeinnahmen für Zuzahlungen zu Medikamenten, Heilmitteln und Behandlungen aufbringen. Für chronisch Kranke, die dauerhaft in Behandlung sind, sinkt diese Belastungsgrenze auf 1 Prozent. Wer die Grenze im Lauf des Jahres erreicht, lässt sich von der Kasse für den Rest des Jahres von weiteren Zuzahlungen befreien. Dafür lohnt es sich, alle Quittungen zu sammeln. Für Menschen mit dauerhaften Einschränkungen gibt es zusätzlich den Schwerbehindertenausweis mit seinen Nachteilsausgleichen und, wenn die Erwerbsfähigkeit stark sinkt, die Erwerbsminderungsrente. Der Sozialdienst der Klinik und die Beratungsstellen helfen, die passenden Ansprüche zu finden und die Anträge zu stellen, bevor Rückstände entstehen.
Wie eine Krankheit Beziehungen und Rollen verändert
Eine ernste Krankheit betrifft nie nur den kranken Menschen, sondern verschiebt die Rollen in Partnerschaft, Familie und Freundeskreis. Wer bisher für andere gesorgt hat, ist plötzlich auf Hilfe angewiesen, und Angehörige übernehmen Aufgaben, die vorher selbstverständlich verteilt waren. Das kann Nähe schaffen, aber auch überfordern und zu Missverständnissen führen, etwa wenn aus Sorge Bevormundung wird oder wenn der kranke Mensch seine Angst verbirgt, um niemanden zu belasten. Hilfreich ist, offen über Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen, Aufgaben bewusst zu verteilen und auch die Angehörigen nicht zu übersehen, die still mittragen und selbst Unterstützung brauchen. Wo Gespräche festfahren, kann eine psychosoziale Beratung beiden Seiten wieder Worte geben.
Hoffnung und Realismus in Einklang bringen
Zwischen Verdrängung und Verzweiflung liegt eine Haltung, die vielen Kranken Kraft gibt: der Krankheit ins Auge sehen und zugleich das Gute im Erreichbaren suchen. Dazu gehört, sich ehrlich zu informieren, ohne sich von jeder Statistik lähmen zu lassen, und den Blick auf das zu richten, was noch möglich ist, statt nur auf das Verlorene. Kleine, erreichbare Ziele, gute Momente im Alltag und die Verbindung zu anderen Menschen tragen oft weiter als der Druck, immer stark und positiv sein zu müssen. Auch Trauer, Wut und Angst dürfen sein, denn sie gehören zur Auseinandersetzung mit einer Krankheit und lassen sich nicht wegdrängen. Wer beides zulässt, die Hoffnung und die schweren Gefühle, findet oft am ehesten einen Weg, mit der Krankheit zu leben.
Die ersten Schritte in der Krankheitskrise
- Gib dem ersten Schock Raum und triff keine überstürzten Entscheidungen.
- Nimm zu Arztgesprächen einen vertrauten Menschen mit und schreib deine Fragen auf.
- Hol dir verlässliche Information, etwa bei der Unabhängigen Patientenberatung.
- Nimm die seelische Seite ernst und such dir bei Bedarf psychologische Unterstützung.
- Klär die praktischen Dinge Schritt für Schritt: Reha, Rechte, Absicherung, Selbsthilfe.
Eine Krankheit kann schwer auf die Seele drücken. Wenn dich die Lage überfordert oder du Gedanken hast, nicht mehr leben zu wollen, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 123 erreichbar, im Notfall die 112. Bei medizinischen Fragen hilft der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Häufige Fragen
Muss ich nach einer Diagnose sofort über die Behandlung entscheiden?
In aller Regel nein. Nur bei echten Notfällen zählt jede Minute. Bei den meisten Erkrankungen darfst du dir Zeit nehmen, dich informieren und in Ruhe entscheiden, gern auch mit einer ärztlichen Zweitmeinung.
Ist es normal, wegen einer Krankheit seelisch stark zu leiden?
Ja, das ist normal. Eine körperliche Krankheit belastet fast immer auch die Seele. Halten Niedergeschlagenheit, Angst oder Hoffnungslosigkeit an, ist das ein Signal, seelische Hilfe zu suchen, etwa Psychoonkologie oder Psychotherapie.
Habe ich ein Recht auf eine zweite ärztliche Meinung?
Ja. Nach Paragraf 27b SGB V gibt es bei bestimmten planbaren Eingriffen einen gesetzlichen Anspruch auf eine unabhängige Zweitmeinung, deren Kosten die Kasse trägt, etwa bei Mandel-, Gebärmutter-, Knie-, Schulter-, Wirbelsäulen- und bestimmten Herzeingriffen. Auch sonst darfst du jederzeit eine weitere Meinung einholen.
Wie lange bekomme ich Krankengeld?
Nach sechs Wochen Lohnfortzahlung zahlt die Krankenkasse Krankengeld, rund 70 Prozent des Bruttos und höchstens 90 Prozent des Nettos. Wegen derselben Krankheit wird es für längstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren gezahlt, die sechs Wochen Lohnfortzahlung eingerechnet.
Wer hilft mir bei den Anträgen und der Absicherung?
Der Sozialdienst der Klinik, die Unabhängige Patientenberatung und Sozialverbände unterstützen bei Anträgen zu Reha, Schwerbehinderung und Erwerbsminderung. Diese Beratung ist kostenlos und lohnt sich früh.
Was ist eine Patientenverfügung und brauche ich eine?
Eine Patientenverfügung legt fest, welche medizinischen Maßnahmen du wünschst oder ablehnst, falls du nicht mehr selbst entscheiden kannst. Zusammen mit einer Vorsorgevollmacht gibt sie dir Sicherheit und entlastet die Angehörigen. Sinnvoll ist sie für jeden Erwachsenen.
Quellen
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen: gesundheitsinformation.de. gesundheitsinformation.de
- Patienten-Information von Bundesärztekammer und KBV. patienten-information.de
- Unabhängige Patientenberatung Deutschland. patientenberatung.de
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Zweitmeinung bei planbaren Eingriffen. g-ba.de
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